GESCHICHTE

Der Heilorden zu Murshids Zeiten: Alte Traditionen und zeitgenössische Einflüsse
Das Thema „Heilen“ wird im Herbst 1916 in die Lektionen für den Jahreskurs aufgenommen, die Pir o Murshid von Oktober bis zum darauffolgenden Juni und Juli hält, wobei die wöchentliche Lehre mittwochs um 16.30 Uhr abgehalten wird. Dies wird bis einschließlich Frühjahr 1917 fortgesetzt, ab Oktober 1917 jedoch nicht mehr. Im Jahr 1917 werden die Lectures zur „Charakterbildung“ durch solche zur „Moralischen Kultur“ ersetzt.
Zu jenem Zeitpunkt ist Halima Jane Reynolds für das Fach „Moral“ zuständig, und zwar in der Rolle, die später als „autorisierte Repräsentantin“ für ein bestimmtes Fachgebiet oder eine bestimmte Tätigkeit beschrieben wird. Nach dem Umzug an den Gordon Square im Januar 1920 lautet ihre Beschreibung: „Sekretärin der Heilgruppe“, was bedeutet, dass sie für die Gruppe verantwortlich ist.
In der Zwischenzeit wurde im Frühjahr 1916 die „Orientalische Magnetbehandlung“ von Murshid Ali Khan eingeführt. In den Berichten hieß es: „Die heilenden Ergebnisse seiner Behandlung waren wunderbar erfolgreich...“. Offensichtlich wurde er durch das Beispiel von „Bruder Ramananda“ ermutigt, der von Hampstead aus „Göttliche Heilung in Anwesenheit oder aus der Ferne“ anbot.
Murshid Ali Khan hatte von seinem Lehrer in Baroda, der als Bhaiyaji (Verehrter Bruder) bekannt war, eine Erlaubnis zum Heilen erhalten. Es ist wirklich bemerkenswert, dass Murshid Ali Khan eine Initiative in der Anwendung ergriff, die dann ungefähr ein halbes Jahr später von Murshid als Lehrthema aufgegriffen wurde!
In Murshids väterlicher Abstammung gab es eine Tradition turkestanischer zentralasiatischer Bakhshes. Ein:e Bakhshe ist mehr oder weniger dasselbe wie ein:e Schaman:in: Beschwörung, Heilung, „Magie“; diese wurden später als Musik, meditative Heilung und Mystik weitergeführt.
Die frühesten, zentralasiatischen Turki Beschreibungen der Abstammung sind die von Yuzkhan und Bakhshe, den Häuptlingen der „Horde“ und den Weisen oder Patriarchen.
Auf der Flucht vor den Verwüstungen Tamerlans im 14. Jahrhundert gelangten sie schließlich nach Indien und ließen sich im Punjab als Landbesitzer nieder. Yuz, was so viel wie „Horde“ bedeutet, lässt auf Nomadentum schließen, aber sie müssen sich bereits in Turkestan niedergelassen haben, denn eine echte Horde hätte sich eher angeschlossen als vor Timur zu fliehen!
Jedenfalls muss diese Horde einen Überfluss an Bakhshes hervorgebracht haben, denn eine Bezeichnung für sie war Bakhsheane Yuz, was so viel wie Horde der Bakhshes bedeutet. Von Bakhshe wurden sie zu Mashaikhan (Asketen oder Mystiker), ihre Sippenoberhäupter zu Yuzkhans ‑ Jum'ashah (oder Mirkhel = Gruppenhäuptling). Die Yuzkhan Khasset in Indien wiederum wurden mit der Zeit zur „Yuskin‑Kaste“ mit Mystik, Musik und adab ādāb (vornehme Verhaltensweisen und Normen) als ihrem Kasten‑Dharma.
Natürlich sind Heilpraktiken in Indien und im gesamten Orient und anderswo weit verbreitet, aber eine persönliche Tradition würde immer einen Anreiz bedeuten!
Halima, Mrs. Jane Reynolds, könnte durch das Beispiel der Christian Science (Gründerin Eddy Baker, A.d.Ü.) motiviert worden sein. Damals nahm man an, dass Murshids dritte, amerikanische Ehefrau mit Frau Baker Eddy verwandt war: Murshid spricht in seiner Biographie 1 anerkennend über die Christian Science. Doch nun scheint es, dass nicht sie, sondern Murshid Ali Khan ein Interesse entwickelte, das von Murshid übernommen wurde.
Nach Murshids Abreise aus London im Jahr 1920 gibt es (noch) keine Spur von Frau Reynolds! Murshid schrieb: „Differenzen unter meinen lieben Freund:innen bedrohten unsere Bewegung mit einem Zusammenbruch und verursachten den Umzug der Khankah nach Genf“ 2.
Es scheint, dass es in London eine Spaltung zwischen den eher anglikanischen und den eher theosophischen Sufi‑Mitarbeiter:innen gab, die auch als eine Spaltung zwischen den eher bürgerlichen und den eher aristokratischen Mitgliedern dargestellt wird. Nur Kefayat LLoyd war sehr hochkirchlich und aristokratisch.
Am schlimmsten war die Spaltung zwischen Zohra Williams und Sharifa Goodenough. Erstere verließ die Gruppe völlig verärgert, andere Nicht‑Theosophen müssen das Gleiche getan haben, und das würde die Abwesenheit von Frau Halima und mehreren anderen erklären, die während der sechs Londoner Jahre von Murshid und seiner Familie immer wieder auftauchten.
Die Theosophen besetzten Murshid mit der Rolle des „Weltlehrers“, die Annie Besant (Britische Theosophin und Frauenrechtlerin, A.d.Ü.) von Krishnamurti erwartete. Daher interpretierten sie die „Botschaft“ der Sufis als Ausdruck dessen, was wir heute eine „Neo‑Religion“ nennen würden.
So suchten sie eine Erneuerung der Religion entlang messianischer avataristischer Linien; genau das Gegenteil von dem, was Murshid beabsichtigte. Seine Vision war eine moderne, immanente Mystik für die säkulare Welt, der man sich neben philosophischer Kontemplation und esoterischer Praxis (jnana und rajya yogas, haqiqat und ryazat) auch durch ästhetische Vertiefung nähern sollte: Musik, Schönheit, Verwirklichung in immer tieferer „menschlicher und göttlicher“ Erkenntnis.
Die Heil‑Aktivität wurde nach 1921 von Kefayat LLoyd wieder aufgegriffen, die eine frühere Idee der Christian Science durch eine betont anglikanische Ausrichtung ersetzte. So wurde Murshid Ali Khans und Murshids meditatives „spirituelles Heilen“ zu einem typischen Gebet oder einer Glaubensheilung, aber natürlich ‑ wie Murshida Greens „Universelle Anbetung“ und Murshida Goodenoughs hierarchische Umgestaltung des Sufi‑Ordens ‑ durchdrungen von Murshids Ideen und Idealen, wie sie in all seinen unbezahlbaren Lehren zum Ausdruck kommen.
Mahmood Khan
Februar 2010
Übersetzung: Salima Grigolli
References:
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1Biographie von Pir o Murshid Inayat Khan, London und Den Haag: East West Publications, 1979.
2Biographie Seite 149.

Das Thema „Heilen“ wird im Herbst 1916 in die Lektionen für den Jahreskurs aufgenommen, die Pir o Murshid von Oktober bis zum darauffolgenden Juni und Juli hält, wobei die wöchentliche Lehre mittwochs um 16.30 Uhr abgehalten wird. Dies wird bis einschließlich Frühjahr 1917 fortgesetzt, ab Oktober 1917 jedoch nicht mehr. Im Jahr 1917 werden die Lectures zur „Charakterbildung“ durch solche zur „Moralischen Kultur“ ersetzt.
Zu jenem Zeitpunkt ist Halima Jane Reynolds für das Fach „Moral“ zuständig, und zwar in der Rolle, die später als „autorisierte Repräsentantin“ für ein bestimmtes Fachgebiet oder eine bestimmte Tätigkeit beschrieben wird. Nach dem Umzug an den Gordon Square im Januar 1920 lautet ihre Beschreibung: „Sekretärin der Heilgruppe“, was bedeutet, dass sie für die Gruppe verantwortlich ist.
In der Zwischenzeit wurde im Frühjahr 1916 die „Orientalische Magnetbehandlung“ von Murshid Ali Khan eingeführt. In den Berichten hieß es: „Die heilenden Ergebnisse seiner Behandlung waren wunderbar erfolgreich...“. Offensichtlich wurde er durch das Beispiel von „Bruder Ramananda“ ermutigt, der von Hampstead aus „Göttliche Heilung in Anwesenheit oder aus der Ferne“ anbot.
Murshid Ali Khan hatte von seinem Lehrer in Baroda, der als Bhaiyaji (Verehrter Bruder) bekannt war, eine Erlaubnis zum Heilen erhalten. Es ist wirklich bemerkenswert, dass Murshid Ali Khan eine Initiative in der Anwendung ergriff, die dann ungefähr ein halbes Jahr später von Murshid als Lehrthema aufgegriffen wurde!
In Murshids väterlicher Abstammung gab es eine Tradition turkestanischer zentralasiatischer Bakhshes. Ein:e Bakhshe ist mehr oder weniger dasselbe wie ein:e Schaman:in: Beschwörung, Heilung, „Magie“; diese wurden später als Musik, meditative Heilung und Mystik weitergeführt.
Die frühesten, zentralasiatischen Turki Beschreibungen der Abstammung sind die von Yuzkhan und Bakhshe, den Häuptlingen der „Horde“ und den Weisen oder Patriarchen.
Auf der Flucht vor den Verwüstungen Tamerlans im 14. Jahrhundert gelangten sie schließlich nach Indien und ließen sich im Punjab als Landbesitzer nieder. Yuz, was so viel wie „Horde“ bedeutet, lässt auf Nomadentum schließen, aber sie müssen sich bereits in Turkestan niedergelassen haben, denn eine echte Horde hätte sich eher angeschlossen als vor Timur zu fliehen!
Jedenfalls muss diese Horde einen Überfluss an Bakhshes hervorgebracht haben, denn eine Bezeichnung für sie war Bakhsheane Yuz, was so viel wie Horde der Bakhshes bedeutet. Von Bakhshe wurden sie zu Mashaikhan (Asketen oder Mystiker), ihre Sippenoberhäupter zu Yuzkhans ‑ Jum'ashah (oder Mirkhel = Gruppenhäuptling). Die Yuzkhan Khasset in Indien wiederum wurden mit der Zeit zur „Yuskin‑Kaste“ mit Mystik, Musik und adab ādāb (vornehme Verhaltensweisen und Normen) als ihrem Kasten‑Dharma.
Natürlich sind Heilpraktiken in Indien und im gesamten Orient und anderswo weit verbreitet, aber eine persönliche Tradition würde immer einen Anreiz bedeuten!
Halima, Mrs. Jane Reynolds, könnte durch das Beispiel der Christian Science (Gründerin Eddy Baker, A.d.Ü.) motiviert worden sein. Damals nahm man an, dass Murshids dritte, amerikanische Ehefrau mit Frau Baker Eddy verwandt war: Murshid spricht in seiner Biographie 1 anerkennend über die Christian Science. Doch nun scheint es, dass nicht sie, sondern Murshid Ali Khan ein Interesse entwickelte, das von Murshid übernommen wurde.
Nach Murshids Abreise aus London im Jahr 1920 gibt es (noch) keine Spur von Frau Reynolds! Murshid schrieb: „Differenzen unter meinen lieben Freund:innen bedrohten unsere Bewegung mit einem Zusammenbruch und verursachten den Umzug der Khankah nach Genf“ 2.
Es scheint, dass es in London eine Spaltung zwischen den eher anglikanischen und den eher theosophischen Sufi‑Mitarbeiter:innen gab, die auch als eine Spaltung zwischen den eher bürgerlichen und den eher aristokratischen Mitgliedern dargestellt wird. Nur Kefayat LLoyd war sehr hochkirchlich und aristokratisch.
Am schlimmsten war die Spaltung zwischen Zohra Williams und Sharifa Goodenough. Erstere verließ die Gruppe völlig verärgert, andere Nicht‑Theosophen müssen das Gleiche getan haben, und das würde die Abwesenheit von Frau Halima und mehreren anderen erklären, die während der sechs Londoner Jahre von Murshid und seiner Familie immer wieder auftauchten.
Die Theosophen besetzten Murshid mit der Rolle des „Weltlehrers“, die Annie Besant (Britische Theosophin und Frauenrechtlerin, A.d.Ü.) von Krishnamurti erwartete. Daher interpretierten sie die „Botschaft“ der Sufis als Ausdruck dessen, was wir heute eine „Neo‑Religion“ nennen würden.
So suchten sie eine Erneuerung der Religion entlang messianischer avataristischer Linien; genau das Gegenteil von dem, was Murshid beabsichtigte. Seine Vision war eine moderne, immanente Mystik für die säkulare Welt, der man sich neben philosophischer Kontemplation und esoterischer Praxis (jnana und rajya yogas, haqiqat und ryazat) auch durch ästhetische Vertiefung nähern sollte: Musik, Schönheit, Verwirklichung in immer tieferer „menschlicher und göttlicher“ Erkenntnis.
Die Heil‑Aktivität wurde nach 1921 von Kefayat LLoyd wieder aufgegriffen, die eine frühere Idee der Christian Science durch eine betont anglikanische Ausrichtung ersetzte. So wurde Murshid Ali Khans und Murshids meditatives „spirituelles Heilen“ zu einem typischen Gebet oder einer Glaubensheilung, aber natürlich ‑ wie Murshida Greens „Universelle Anbetung“ und Murshida Goodenoughs hierarchische Umgestaltung des Sufi‑Ordens ‑ durchdrungen von Murshids Ideen und Idealen, wie sie in all seinen unbezahlbaren Lehren zum Ausdruck kommen.
Mahmood Khan
Februar 2010
Übersetzung: Salima Grigolli
References:
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1Biographie von Pir o Murshid Inayat Khan, London und Den Haag: East West Publications, 1979.
2Biographie Seite 149.

