GESCHICHTE

Eine kurze Geschichte der Sufi‑Heiltätigkeit
Es besteht ein Bedarf an gründlicher Forschung zur Geschichte der Heiltätigkeit in den Sufi‑Organisationen, die sich von Pir o Murshid Inayat Khan (1882 ‑ 1927) herleiten. In Ermangelung einer solchen effektiven Forschung werde ich hier das Wenige, das ich darüber weiß, skizzieren, aber ich hoffe aufrichtig, dass Interessierte dies in Kürze fachkundig tun werden.
Als Inayat Khan während des Ersten Weltkriegs in London zum ersten Mal eine Gruppe von Student:innen um sich versammelte, kam das Thema Heilen ganz natürlich auf. Sogar in der Kirche von England wurde die Praxis des Handauflegens zur Heilung wiederbelebt, und praktisch jede Bewegung der alternativen Spiritualität bot irgendeine Form des spirituellen Heilems an. Im Jahr 1916 begann Inayat Khan, wöchentlich (mittwochs um 16.30 Uhr) einen Vortrag über das Heilen abzuhalten, und die Abschriften dieser Vorlesungen sind immer noch Teil der Githa Papers (für die Stufen 4 bis 6) über das Heilen.
Inayat Khans wichtigste Lehren über das Heilen wurden in wöchentlichen Vorträgen in der Sommerschule in Suresnes im Jahr 1924 gehalten. In diesen Vorlesungen, die später unter dem Titel „Gesundheit“ (Health) veröffentlicht und in den Band 4 der Sufi Message über das Heilen aufgenommen wurden, untersucht er viele Aspekte der Heilpraktiken seiner Zeit. So sagte er zum Beispiel voraus, dass die Chirurgie allmählich durch Medikamente ersetzt werden würde. Er gab wertvolle Arbeitsdefinitionen der Gesundheit selbst (Rhythmus und Gleichgewicht) und wies auf die Unzulänglichkeiten der gängigen medizinischen Praktiken hin. Antibiotika (die ihm selbst das Leben gerettet hätten, da er an einer chronischen Lungenentzündung starb), Organtransplantationen oder die Popularität der Schönheitschirurgie sah er allerdings nicht voraus! Diese Vorträge sind nun zum ersten Mal ‑ und zwar wie sie tatsächlich gehalten wurden ‑ im neuesten Band der Reihe The Complete Works of Hazrat Pir o Murshid Inayat Khan verfügbar, der gerade von Omega Publications in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde.
Wann genau eine formelle Heiltätigkeit begann, ist nicht klar. Eine walisische Mureed, Frau Gladys I. LLoyd (sie schrieb ihren Nachnamen mit zwei großen LL), wurde als Shefayat (von shafee, Heilerin) und wurde später Kefayat (von kafee, Heilmittel) initiiert. Als das Sufi‑Movement 1923 in Genf offiziell gegründet wurde, gab es neben dem Sufi‑Orden (der Inneren Schule) nur zwei Aktivitäten: Den Universellen Gottesdienst (gegründet im Mai 1921) und die Aktivitäten der Geschwisterschaft (informell gegründet um 1917). Dazu kamen vor 1926 der Heilkreis und Zira'at, so dass es fünf Zweige, bzw. Aktivitäten gab.
Kefayat LLoyd war für diese Aktivität verantwortlich und arbeitete mit Inayat Khan bei der Schaffung eines Heilkreises zusammen, einer Gruppe von Menschen, die mit einer Leiter:in (Conductor:in) zusammenkam, um einen kurzen Gebetskreis (von etwa 20 Minuten) für diejenigen zu halten, die darum gebeten hatten. Dies ist nach wie vor die zentrale Aktivität des Sufi‑Heilordens, auch wenn in der Zwischenzeit viele andere Tätigkeiten hinzugekommen sind.
Inayat Khan selbst war als Heiler bekannt und es gibt viele Geschichten von Menschen, die er von körperlichen (wie Sirkar van Stolk, ein wichtiger Organisator) und geistigen Leiden (wie Murshida Sherifa Goodenough, seine Herausgeberin) heilte. Sein Cousin und Bruder Muhammad Ali Khan, der schließlich sein zweiter Nachfolger wurde, hatte bereits 1916 eine „Orientalische Magnetbehandlung“ ins Leben gerufen, für die er in Baroda ausgebildet worden war, bevor sie in den Westen kamen. Als Heiler genoss er einen guten Ruf, und es gibt viele Geschichten über seine Wunder im Laufe der Jahre (er starb 1958). Inayat Khan ermutigte die Mureeds nicht zu individuellen Heilpraktiken und bot auch keine Ausbildung in diesen Bereichen an. Er machte auch deutlich, dass ein wahrer Heiler seine Arbeit ohne Bezahlung verrichtet.
Nach Inayat Khans Tod im Jahr 1927 gab es eine lange Zeitspanne, in der viele Heilkreise den Dienst fortsetzten, aber es wurden keine neuen Elemente in den Heilorden eingeführt. In den 1970er Jahren ernannte Pir Vilayat Inayat Khan, das Oberhaupt des Internationalen Sufi‑Ordens, einen enthusiastischen Amerikaner, Himayat Inayati, zum weltweiten Kefayat, und von diesem Zeitpunkt an weiteten sich die Heiltätigkeiten stark aus, sowohl in Amerika als auch in Europa. Der Kefayat für Europa war eine Engländerin, Sarida Brown, die viele Jahre lang eine wunderschöne und inspirierende Zeitschrift, Caduceus, herausgab, die ein viel größeres Publikum als nur den Heilorden der Sufis erreichte. Himayat organisierte viele bedeutende Konferenzen und veranlasste auch Ausbildungskurse für Shefayats im Heilorden.
Als Himayat von seinem Amt zurücktrat, um sich einem anderen Schwerpunkt zu widmen, wurde Sarida Brown die weltweite Kefayat und Devi Tide die nordamerikanische Kefayat. Beide haben unermüdlich daran gearbeitet, die Sufi‑Heilarbeit zu fördern und die Praktizierenden auf immer tiefere Ebenen zu führen. Der Heilorden ist dabei, eine Website zu erstellen, die einen Überblick über seine weltweiten Aktivitäten geben wird.
In der Zwischenzeit hat natürlich jede Sufi‑Organisation, die sich von Inayat Khans Lehre ableitet (ich glaube, es gibt derzeit neun), ihre eigenen Heilaktivitäten. Ich kann mich zu diesen nicht äußern, da ich nichts über sie weiß, was einer von mehreren Gründen dafür ist, dass dieser kurze Bericht nur ein bescheidener Anfang des Prozesses sein kann, einen angemessenen Überblick über diese wesentliche Aktivität zu geben.
Sharif Graham
März 2010
Übersetzung: Salima Grigolli

Es besteht ein Bedarf an gründlicher Forschung zur Geschichte der Heiltätigkeit in den Sufi‑Organisationen, die sich von Pir o Murshid Inayat Khan (1882 ‑ 1927) herleiten. In Ermangelung einer solchen effektiven Forschung werde ich hier das Wenige, das ich darüber weiß, skizzieren, aber ich hoffe aufrichtig, dass Interessierte dies in Kürze fachkundig tun werden.
Als Inayat Khan während des Ersten Weltkriegs in London zum ersten Mal eine Gruppe von Student:innen um sich versammelte, kam das Thema Heilen ganz natürlich auf. Sogar in der Kirche von England wurde die Praxis des Handauflegens zur Heilung wiederbelebt, und praktisch jede Bewegung der alternativen Spiritualität bot irgendeine Form des spirituellen Heilems an. Im Jahr 1916 begann Inayat Khan, wöchentlich (mittwochs um 16.30 Uhr) einen Vortrag über das Heilen abzuhalten, und die Abschriften dieser Vorlesungen sind immer noch Teil der Githa Papers (für die Stufen 4 bis 6) über das Heilen.
Inayat Khans wichtigste Lehren über das Heilen wurden in wöchentlichen Vorträgen in der Sommerschule in Suresnes im Jahr 1924 gehalten. In diesen Vorlesungen, die später unter dem Titel „Gesundheit“ (Health) veröffentlicht und in den Band 4 der Sufi Message über das Heilen aufgenommen wurden, untersucht er viele Aspekte der Heilpraktiken seiner Zeit. So sagte er zum Beispiel voraus, dass die Chirurgie allmählich durch Medikamente ersetzt werden würde. Er gab wertvolle Arbeitsdefinitionen der Gesundheit selbst (Rhythmus und Gleichgewicht) und wies auf die Unzulänglichkeiten der gängigen medizinischen Praktiken hin. Antibiotika (die ihm selbst das Leben gerettet hätten, da er an einer chronischen Lungenentzündung starb), Organtransplantationen oder die Popularität der Schönheitschirurgie sah er allerdings nicht voraus! Diese Vorträge sind nun zum ersten Mal ‑ und zwar wie sie tatsächlich gehalten wurden ‑ im neuesten Band der Reihe The Complete Works of Hazrat Pir o Murshid Inayat Khan verfügbar, der gerade von Omega Publications in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde.
Wann genau eine formelle Heiltätigkeit begann, ist nicht klar. Eine walisische Mureed, Frau Gladys I. LLoyd (sie schrieb ihren Nachnamen mit zwei großen LL), wurde als Shefayat (von shafee, Heilerin) und wurde später Kefayat (von kafee, Heilmittel) initiiert. Als das Sufi‑Movement 1923 in Genf offiziell gegründet wurde, gab es neben dem Sufi‑Orden (der Inneren Schule) nur zwei Aktivitäten: Den Universellen Gottesdienst (gegründet im Mai 1921) und die Aktivitäten der Geschwisterschaft (informell gegründet um 1917). Dazu kamen vor 1926 der Heilkreis und Zira'at, so dass es fünf Zweige, bzw. Aktivitäten gab.
Kefayat LLoyd war für diese Aktivität verantwortlich und arbeitete mit Inayat Khan bei der Schaffung eines Heilkreises zusammen, einer Gruppe von Menschen, die mit einer Leiter:in (Conductor:in) zusammenkam, um einen kurzen Gebetskreis (von etwa 20 Minuten) für diejenigen zu halten, die darum gebeten hatten. Dies ist nach wie vor die zentrale Aktivität des Sufi‑Heilordens, auch wenn in der Zwischenzeit viele andere Tätigkeiten hinzugekommen sind.
Inayat Khan selbst war als Heiler bekannt und es gibt viele Geschichten von Menschen, die er von körperlichen (wie Sirkar van Stolk, ein wichtiger Organisator) und geistigen Leiden (wie Murshida Sherifa Goodenough, seine Herausgeberin) heilte. Sein Cousin und Bruder Muhammad Ali Khan, der schließlich sein zweiter Nachfolger wurde, hatte bereits 1916 eine „Orientalische Magnetbehandlung“ ins Leben gerufen, für die er in Baroda ausgebildet worden war, bevor sie in den Westen kamen. Als Heiler genoss er einen guten Ruf, und es gibt viele Geschichten über seine Wunder im Laufe der Jahre (er starb 1958). Inayat Khan ermutigte die Mureeds nicht zu individuellen Heilpraktiken und bot auch keine Ausbildung in diesen Bereichen an. Er machte auch deutlich, dass ein wahrer Heiler seine Arbeit ohne Bezahlung verrichtet.
Nach Inayat Khans Tod im Jahr 1927 gab es eine lange Zeitspanne, in der viele Heilkreise den Dienst fortsetzten, aber es wurden keine neuen Elemente in den Heilorden eingeführt. In den 1970er Jahren ernannte Pir Vilayat Inayat Khan, das Oberhaupt des Internationalen Sufi‑Ordens, einen enthusiastischen Amerikaner, Himayat Inayati, zum weltweiten Kefayat, und von diesem Zeitpunkt an weiteten sich die Heiltätigkeiten stark aus, sowohl in Amerika als auch in Europa. Der Kefayat für Europa war eine Engländerin, Sarida Brown, die viele Jahre lang eine wunderschöne und inspirierende Zeitschrift, Caduceus, herausgab, die ein viel größeres Publikum als nur den Heilorden der Sufis erreichte. Himayat organisierte viele bedeutende Konferenzen und veranlasste auch Ausbildungskurse für Shefayats im Heilorden.
Als Himayat von seinem Amt zurücktrat, um sich einem anderen Schwerpunkt zu widmen, wurde Sarida Brown die weltweite Kefayat und Devi Tide die nordamerikanische Kefayat. Beide haben unermüdlich daran gearbeitet, die Sufi‑Heilarbeit zu fördern und die Praktizierenden auf immer tiefere Ebenen zu führen. Der Heilorden ist dabei, eine Website zu erstellen, die einen Überblick über seine weltweiten Aktivitäten geben wird.
In der Zwischenzeit hat natürlich jede Sufi‑Organisation, die sich von Inayat Khans Lehre ableitet (ich glaube, es gibt derzeit neun), ihre eigenen Heilaktivitäten. Ich kann mich zu diesen nicht äußern, da ich nichts über sie weiß, was einer von mehreren Gründen dafür ist, dass dieser kurze Bericht nur ein bescheidener Anfang des Prozesses sein kann, einen angemessenen Überblick über diese wesentliche Aktivität zu geben.
Sharif Graham
März 2010
Übersetzung: Salima Grigolli

