Grenzen und Selbstschutz
Wir haben uns entschieden, die Frage der Grenzen in unseren Unterricht aufzunehmen, weil wir glauben, dass Grenzen für unsere spirituelle Entwicklung sehr wichtig sind: Wollen wir eine gesunde Spiritualität leben, müssen wir gesunde Grenzen ziehen. Für diejenigen, die bereits mit dem Thema vertraut sind, ist dies eine freundliche Erinnerung. Für diejenigen, die noch nicht damit vertraut sind, sind dies einige grundlegende Informationen.
Es gibt zwei Arten von Grenzen: äußere Grenzen und innere Grenzen.
- Äußere Grenzen
Die äußeren Grenzen beziehen sich auf andere Menschen und wie nahe wir ihnen erlauben, uns und unserem Leben zu kommen. Wenn wir dies durch eine Bewegung symbolisieren, dann durch das, was von den anderen auf uns zukommt und wo, in welcher Entfernung, wir unseren Schutzzaun aufgestellt haben. Das hilft uns dabei:- unsere Gedanken und Gefühle von den Gedanken und Gefühlen der anderen,
- zu unterscheiden zu klären, wer wir sind und wer wir nicht sind,
- uns aufzuzeigen, wo wir anfangen und wo wir aufhören, sowie wo die anderen anfangen und wo sie in Bezug auf uns aufhören
- zu definieren, wie nah oder wie distanziert wir in Bezug auf andere Menschen sind, um so zwischen uns und den anderen den angemessenen physischen und emotionalen Raum zu schaffen.
Externe Grenzen können gesetzt werden, in Bezug auf:
- Physischen Kontakt: Wie nah wollen wir andere an uns physisch herankommen lassen? Wen und wann? [persönlicher Raum, sozialer Raum, öffentlicher Raum] ‑ [obligatorische Änderung der physischen Grenzen durch das Corona‑Virus ← wie wirkt sich das auf uns aus? Auf unsere Körperlichkeit und Erdung?]
- Unser Gefühlsleben: Wieviel Freude, Kummer oder Wut anderer Menschen könne wir zulassen, uns zu berühren? Bis zu welchem Punkt können wir mitgehen, ohne selbst wütend oder traurig zu werden? Sind wir in der Lage, uns selbst oder dem anderen Menschen zu sagen: "Dein Zorn ist dein Zorn und ich werde für ihn nicht Partei ergreifen, ich werde ihn nicht aufnehmen"?
- Unsere Sexualität: Wie wollen wir, dass sich unser Liebhaber, unsere Liebhaberin uns gegenüber verhält? Was gefällt uns und was missfällt uns beim Sex? Sind wir in der Lage, es zu kommunizieren und durchzusetzen?
- Die Art und Weise, wie Menschen mit uns sprechen. Können wir zum Beispiel sagen: "Ich werde ärgerlich, wenn Sie in diesem Ton mit mir sprechen"?
- Die Informationen, die wir zulassen wollen. Wissen wir zum Beispiel, dass wir das Recht haben, zu sagen: "Ich höre die Nachrichten nicht mehr, weil sie mich so aufregen"?
- Unsere Finanzen. Mit wem können wir ohne Probleme über ein Darlehen oder über unser Einkommen sprechen? Mit wem wollen wir nicht darüber reden, wie viel wir ausgeben und wo, wenn sie uns darum bitten?
- Und natürlich unsere Spiritualität: Wer soll unser spiritueller Wegbegleiter sein? Wem erlauben wir, uns in unserer Spiritualität zu lehren und warum? Wer ist unserer Meinung nach geeignet, uns zu unterrichten?
Wenn wir Grenzen setzen, werden wir fähig, mit unserem Ärger umzugehen, weil wir Konflikte, Stress, Intimität und unsere Komfortzone besser aushandeln können, weil wir wissen, wie weit wir gehen können. Beachten Sie, dass jeder Mensch seine eigenen persönlichen Grenzen hat.
Äußere Grenzen sind nicht funktionsfähig wo:
- Wir jemanden zu nah an uns herangelassen haben, denn wenn wir dies erkennen, verbannen wir ihn oder sie abrupt aus unserem Leben.
- Wir Mauern errichten, in denen wir uns selbst einschließen und andere Menschen und die Welt draußen zurücklassen.
- Wir unnachgiebig sind und nicht zulassen, dass neue Ideen oder neue Erfahrungen unsere Komfortzone erweitern, und
- Wir ständig unsere Ansichten, Meinungen und die Grenzen verändern, ohne uns irgendwo niederzulassen.
Es gibt zwei Situationen, in denen unsere Außengrenzen verletzt werden:
Die weniger aggressive Situation, in der die andere Person nicht angemessen über unsere Grenzen informiert ist, oder wir unsere Grenzen der anderen Person nicht richtig mitgeteilt haben. Im Gegensatz dazu haben wir den aggressiveren Fall, in dem der Verletzer weiß, was uns stört und es trotzdem tut.
Wenn unsere äußeren Grenzen verletzt werden, empfinden wir unterschiedliche negative Emotionen wie Wut, Angst, Scham, Unsicherheit.
Wir setzen äußere Grenzen, wenn wir sagen: Nein, nicht mehr, genug, stopp ‑ und wir auch das so meinen. Denn wenn wir nicht "Nein" sagen können, dann bedeutet unser "Ja" am Ende gar nichts. Letztendlich sagen wir zu allem "ja", um mit Menschen zu reden, die wir nicht mögen, und erleben Situationen, die wir verabscheuen, auf Kosten unserer körperlichen und psychischen Gesundheit. Auf diese Weise stauen wir Wut auf uns selbst und auf die Menschen um uns herum an, eine Wut, die sich zu Groll und Zorn auswächst.
- Innere Grenzen
Die inneren Grenzen hängen mit dem emotionalen und kognitiven Wissen zusammen, wie weit wir in einer romantischen Liebesbeziehung, in einer Freundschaft, in einer beruflichen Beziehung usw. gehen können. Sie hängen damit zusammen, wie sehr wir uns in der Beziehung zu der anderen Person öffnen oder verschließen. Wenn wir sie mit einer Bewegung symbolisieren, würde das damit zu tun haben, was von uns in Richtung der anderen ausgeht; damit, wie weit wir gehen können.
Oft haben wir erst viel zu spät erkannt, dass wir uns exponiert haben; dass wir mit Menschen oder Situationen viel mehr mitgemacht haben, als es uns angenehm war, gerade weil wir unsere inneren Grenzen ignorieren. Infolgedessen werden wir wütend auf uns selbst und auf andere.
Wie viel geben wir also anderen (und wem) Informationen über unser Gefühlsleben, unsere innere Welt, unsere familiäre‑ und persönliche Geschichte, unsere Erfahrungen (insbesondere die traumatischen), unsere Sexualität, unsere Spiritualität, unsere Zeit, unsere Ressourcen usw. weiter?
Bedenken wir, dass in Wirklichkeit innere Grenzen zu tieferen und bedeutungsvolleren Beziehungen führen können, gerade weil die beiden Beteiligten der Beziehung wissen, wie weit sie gehen können. Außerdem können Menschen, die ihre inneren Grenzen kennen und respektieren, sich selbstlos um andere Menschen kümmern, da sie aus dem, was sie anbieten, Energie gewinnen, statt Energie zu verlieren.
Schließlich helfen uns innere Grenzen, zwischen Qualität und Quantität zu unterscheiden. Indem wir wissen, wann wir mit anderen zusammen sein wollen und wie viel von uns wir ihnen zur Verfügung stellen können, gelingt es uns, Unbehagen und Frustration zu vermeiden. Es ist besser, weniger Zeit mit jemandem unter guten Bedingungen zu verbringen, anstatt viel Zeit unter schlechten Bedingungen zu vergeuden.
Sowohl äußere als auch innere Grenzen erhöhen die Zufriedenheit in Beziehungen und bringen die Beteiligten dieser Beziehungen näher zusammen. Dies geschieht, weil sie ein starkes Gefühl der Sicherheit schaffen. Wenn wir uns selbst respektieren und für uns selbst sorgen, sind wir in der Lage, bessere Entscheidungen auf allen Gebieten unseres Lebens zu treffen. Gleichzeitig vermitteln wir anderen klare Botschaften darüber, wie wir behandelt werden wollen und welche Folgen es haben wird, wenn sie uns nicht respektieren.
Wir sprechen von klaren Grenzen, und Grenzen schaffen Trennung. Dadurch werden wir von den anderen getrennt. Und doch, sagt uns Murshid:
"Der Keim der Trennung existiert sogar innerhalb eines sehr weiten Rahmens in einer Gemeinschaft, und wie weit gefasst die Bruderschaft auch sein mag; sie kann nicht vollkommen sein, solange sie Menschen von Menschen trennt. Wenn Sufis dies erkennen, befreien sie sich von nationalen, ethnischen und religiösen Grenzen und vereinigen sich in der menschlichen Bruderschaft, die frei von Unterschieden und Unterscheidungen von Klasse, Kaste, Glauben, Ethnie (race), Nation oder Religion ist und die Menschheit in einer universellen Bruderschaft vereint."
Source
Hazrat Inayat Khan ‑ Volume I ‑ The Way of Illumination,
Section I ‑ The Way of Illumination, Part I Sufi Thoughts
"Es bedeutet nicht, dass wir den Gedanken an uns selbst aufgeben sollten, dass wir niemals an uns selbst denken dürften, niemals an unser Mittag und Abendessen. Das Selbst ist da, wir müssen an uns selbst denken. Doch gleichzeitig wird uns geholfen, uns zu entfalten, die Willenskraft wachsen zu lassen, je mehr wir uns selbst vergessen."
Source
Hazrat Inayat Khan ‑ Volume XIV ‑ The Smiling Forehead Part I,
The Smiling Forehead, Chapter VI
Was sollen wir also tun? Wie bewahren wir feste Grenzen und lösen sie gleichzeitig auf, oder versuchen sie, um unserer Spiritualität willen, zu überwinden? Wir empfinden diese Frage nur dann als verwirrend, wenn wir nicht begreifen, dass es sich um zwei völlig unterschiedliche Arten von Grenzen handelt: psychologische und spirituelle. Wir brauchen gesunde und feste jedoch flexible (abhängig von der Person, mit der wir es zu tun haben, der Situation, dem Moment, der Art der Beziehung usw. angemessene) psychologische Grenzen, um die Grenzen zu überwinden, die uns vom Geliebten und dem Bewusstsein der Einheit mit der ganzen Schöpfung trennen.
Obwohl alle Forschungen einen positiven Zusammenhang zwischen Spiritualität und Gesundheit feststellen, gibt es aus psychologischer Sicht auch eine Schattenseite der Spiritualität. Diese wird als spiritueller Bypass oder spirituelle Umgehungsstrategie bezeichnet.
Spirituelles Bypassing ist ein Begriff, der 1984 von dem Psychologen und buddhistisch Praktizierenden John Welwood geprägt wurde, um den Gebrauch von spirituellen Praktiken, Erfahrungen und Überzeugungen als Strategie zu definieren, den Umgang mit ungelösten psychologischen Problemen ‑ also den "unerledigten Aufgaben" ‑ zu vermeiden. Anders gesagt: Ist es der Versuch einer Person, psychologische Wunden ausschließlich auf der spirituellen Ebene zu heilen und die wichtige (wenn auch oft schwierige und schmerzhafte) Aufarbeitung auf den anderen Ebenen, einschließlich der kognitiven, physischen, emotionalen und zwischenmenschlichen, vermeidet. Der emotionale, kognitive und physische Lärm vergangener Erfahrungen behindert jedoch die Fähigkeit, still zu werden, auf den eigenen Geist zu hören und die vom Geist empfangenen Botschaften in das tägliche Leben zu integrieren.
In späteren Jahren verwendete auch Charles Whitfield, ein Arzt und Psychotherapeut, der sich auf Trauma, Suchtheilung und Co‑Abhängigkeit spezialisiert hatte, diesen Begriff. Nach Whitfield bezieht sich der Begriff "spiritueller Bypass" auf einen Zustand, in dem eine Person versucht, notwendige Aufarbeitungen auf der psychologischen Ebene zu vermeiden oder zu umgehen, indem sie direkt auf die spirituelle Ebene wechselt. Dies gilt bei denjenigen, die einen spirituellen Weg verfolgen als ein häufig auftretendes Problem.
Pir Vilayat warnt uns in seinem wunderbaren Buch "The Ecstasy Beyond Knowing" vor dem spirituellen Bypass, indem er Folgendes sagt "An einem bestimmten Punkt unserer Suche nach Sinnhaftigkeit kann es uns plötzlich aufgehen, dass die Anziehungskraft tranceähnlicher Meditationen oder Retreats aus dem vielleicht unbewussten Wunsch erwachsen kann, einer Lebenssituation zu entfliehen; zum Beispiel der elterlichen Autorität oder der rücksichtslosen, erbarmungslosen Zivilisation, in der wir leben, mit ihrer Gewalt, Gier und Manipulation" (S. 18). Und auch: "Es kann geschehen, dass uns tatsächlich der unschätzbare Wert dessen entgeht, was die Menschen im Laufe der Jahrhunderte an Schönheit, materieller Bequemlichkeit und Ordnungsliebe erworben haben: das Staunen, die Aufregung, der Mut, die Verletzlichkeit und die bereichernde Wirkung des Teilens von Freude und Schmerz; Beziehung, Freundschaft, Loyalität und Dienst, in denen Gott als lebendige Realität zu finden ist. Es ist tragisch, sich in eine betäubte Psyche einzukapseln, die einen davor schützt, sich den Herausforderungen des Lebensdramas zu stellen, das sowohl die Feier im Himmel auf konkrete Weise in Gang setzt als auch unseren Mut auf die Probe stellt. Es gibt einen Weg, high zu sein, ohne spaced out zu sein." (S. 18, Hervorhebung durch Amina).
Der spirituelle Bypass tritt gewöhnlich dann auf, wenn eine Person in polarisierendem Denken annimmt, dass menschliche Themen unwichtig sind, und dadurch letztendlich Beziehungen und andere alltägliche Aspekte des Lebens vernachlässigt. Kurz gesagt, der spirituelle Bypass dient einer Vermeidungsfunktion; er ermöglicht es dem Einzelnen, die oft schwierige und schmerzhafte psychologische Arbeit der Heilung alter Wunden zu vermeiden.
Zu den häufigen Problemen, die durch solch einen Bypass entstehen, gehören zwanghafte Güte, die Unterdrückung unerwünschter oder schmerzhafter Emotionen, spiritueller Narzissmus, extreme äußere Kontrollmechanismen, spirituelle Besessenheit oder Sucht, blindes Vertrauen in charismatische Führer, Verdrängung von persönlicher Verantwortung und soziale Isolation. Die in der Literatur aufgeführten Hauptsymptome des spirituellen Bypasses sind emotionale Entfremdung und Verdrängung, übermäßige Distanziertheit, Überbetonung der positiven Seite einer Entwicklung, blindes oder übermäßig tolerantes Mitgefühl, Minimierung oder Verneinung des eigenen Schattens, Illusionen über das eigene Erwachen, alles, einschließlich des Leidens, als illusorisch anzusehen, um dem Leiden zu entkommen; Missachtung des Persönlichen oder Weltlichen und Übertreibung bestimmter Aspekte der Entwicklung. Da es sich um eine Form der Flucht handelt, bewirkt der spirituelle Bypass schließlich die Manifestation einer Reihe negativer Konsequenzen, wie z.B. ein übertriebenes Bedürfnis, andere und das eigene Selbst zu kontrollieren, Scham, Angst, zwiespältiges Denken, emotionale Verwirrung, hohe Toleranz gegenüber unangemessenen Verhaltensweisen, Coabhängigkeit und Schmerz. Eine weitere negative Folge des spirituellen Bypasses wäre spiritueller Materialismus (die Anwendung spiritueller Praxis um materiellen Gewinn zu erzielen). Schließlich gefährdet der spirituelle Bypass das langfristige spirituelle Wohlergehen, weil er den Prozess der spirituellen Entwicklung unvollständig bleiben lässt.
Schlussfolgerungen der Forscher: Gott (oder das höhere Selbst) kann in einem Meer selbstkritischer, durchschaubarer Überzeugungen, unterdrückter Emotionen oder in ungesunder Gemeinschaft mit anderen nicht vollkommen existieren. Nur durch die Transformation dieser Überzeugungen, Emotionen und ungesunden zwischenmenschlichen Verhaltensweisen kann das wahre Selbst des spirituellen Menschen freigelegt werden und gedeihen. Zum Leidwesen der Menschen wird die spirituelle Essenz oft durch emotionale, mentale, zwischenmenschliche und körperliche Kämpfe, die sich über die Lebensspanne hinweg anhäufen, verschleiert. Wir müssen uns daran erinnern, dass es bei spiritueller Praxis und emotionalem Wachstum nicht darum geht, ein bestimmtes Maß an "Wohlbefinden" zu erreichen. Ein Mensch auf der spirituellen Reise zu sein, bedeutet nicht, ständig Geld und Preise zu bekommen. Es geht darum, im gegenwärtigen Augenblick zu sein, wie auch immer dieser aussehen mag.
Der Weg zu einer gesunden spirituellen Entwicklung und Praxis beinhaltet:
- Die Aufmerksamkeit auf verschiedene Lebensbereiche und Dimensionen des Selbst zu richten.
- Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Bereichen des eigenen Lebens, wie Arbeit, Familie, Beziehungen, Spiritualität, Gesundheit und die Entwicklung des Selbst in allen Bereichen.
- Die Möglichkeit, sich mit ihrer Gefühlswelt zu verbinden: Das spirituelle Leben der Person gibt ihr die Möglichkeit, sich mit ihrer Gefühlswelt zu verbinden.
- Psychologisch zu arbeiten: Verknüpfung der spirituellen Praxis mit dem therapeutischen Prozess oder Lesen von Selbsthilfebüchern, Beitritt zu Selbsthilfegruppen, Besuch von Seminaren.
- Größeres Mitgefühl und Selbstmitgefühl: wenn Spiritualität einen Menschen an den Punkt des Mitgefühls für andere und für sich selbst bringt.
- Gemeinschaft und Begleitung: eine Gruppe, die unterstützend und sachkundig ist, oder jemanden, der als Mentor oder Lehrer fungieren kann; ein Wertesystem sowie eine Gruppe von Menschen zu haben, denen man angehören und die als Maßstab dienen kann.
- Engagement mit der Welt: eine spirituelle Praxis, die ein Engagement in der realen Welt und mit anderen Menschen ermöglicht.
Erfahrungsorientierte Übung (fakultativ).
Was erleben Sie gerade? Können Sie präsent sein mit all Ihren Gefühlen, ohne dass eines davon Sie definiert?
- Anzeichen von spirituellen Bypass
Spiritueller Bypass liegt vor:
- Wenn spirituelle Überzeugungen und Praktiken eingesetzt werden, um den Umgang mit psychologischen Problemen oder Traumata, Schwierigkeiten in Beziehungen, emotionalen Mühen und Entwicklungsaufgaben zu vermeiden.
- Wenn spirituelle Ideen und Überzeugungen zur Selbstverteidigung und als Rechtfertigung für impulsives Handeln verwendet werden.
- Die Polarisierung von spirituellen Praktiken als überlegen und der psychologischen oder physischen Arbeit als minderwertig.
- Kategorien von spirituellen Bypass
- Normaler Bypass.
- Von Stimmungszuständen bestimmter Bypass.
- Problematischer Bypass.
- Narzisstischer Bypass.
- Hauptsymptome
- Wenn Menschen von ihren Emotionen abgekoppelt sind.
- Angst davor, wütend zu werden.
- Auf die Ebene des Verstandes zu wechseln, womit die Person unbehagliche Emotionen vermeidet, indem sie sich auf Fakten und Logik konzentriert. Die kognitive Intelligenz der Person ist viel weiter entwickelt als ihre moralische und emotionale Intelligenz.
- Eine vordergründige Akzeptanz oder Nicht‑Akzeptanz des Schattens oder der negativen Seite der Menschlichkeit.
- Eine unrealistische Betonung des Positiven.
- Schwierigkeiten, sich auf Beziehungen einzulassen.
- Vermeiden von Kontakt mit Menschen, die als nicht spirituell angesehen werden.
- Narzissmus und Grandiosität im spirituellen Bereich.
- So zu tun, als ob man geistig den anderen überlegen sei, Eigentümer der Vernunft, Besitzerin aller Antworten, der/die Einzige, der über den Tellerrand hinausschaut.
- Ein blinder Glaube an charismatische Lehrer.
- Ein übertrieben toleranter, unhinterfragter Versuch von Fürsorge.
- Um andere nicht zu enttäuschen, fürchtet sich die Person davor, Grenzen zu setzen und andere zu konfrontieren.
- Man meidet Verantwortung, insbesondere in Bezug auf Arbeit oder Geld; man nimmt seine Karriere nicht ernst und hat keine Pläne in Bezug auf Geld.
- Magisches Denken, eine Mischung aus Aberglauben, illusorischen Zusammenhängen und der Vermischung von Wechselbeziehung und Kausalität, die dem eigenen Wünschen, Wollen und Vorstellungsvermögen ein unverhältnismäßig hohes Maß an Macht zuschreibt.
- Der Verlust der Intimität mit dem eigenen Körper; eine gewisse Verachtung für den physischen Körper.
- Persönlichkeitsmerkmale
- Ungesunde Bindungsmuster / Co‑Abhängigkeit.
- Sehr anfällig für Stress / emotional überreaktiv.
- Überlebende von Traumata.
- Schwierige nicht förderliche (ungünstige) Umgebungen.
- Mögliche Gründe
- Geringe Toleranz, die eigenen Schmerzen in den Blick zu nehmen und zu bearbeiten.
- Negative Einflüsse von religiösen/spirituellen Führern und Gemeinschaften.
- Empfangen starker negativer Botschaften hinsichtlich Selbstwertgefühl und Selbstachtung.
- Negative Auswirkungen
- Die Person bleibt in ihrem Leben stecken, weiß nicht, was sie tun soll, dreht sich im Kreis.
- Die Person bleibt in ihrem spirituellen Leben eher unreif.
- Es fehlt ihr an Selbstbewusstsein, sie ist nicht in der Lage, eine umfassendere Sichtweise einzunehmen, sie verliert den Zugang zu sich selbst.
- Nicht erwachsen zu werden, im magischen Denken stecken zu bleiben.
- Unnötig zu leiden und andere in unterschiedlicher Intensität leiden zu lassen, abhängig davon, wie schwerwiegend die Probleme sind, die sie haben.
- Sie kümmern sich nicht um ihre Beziehungen und Familien.
- Die Schwierigkeit, sich mit anderen Menschen zu verbinden, führt zum Abbruch der empathischen Beziehungen zu einer anderen Person.
- Ausnutzen der Unentschlossenheit und des Ausweichens anderer Menschen.
- Sie nutzen die Stagnation und Verletzlichkeit anderer aus, indem sie ihnen Dienste verkaufen, die oft ihren spirituellen Bypass noch verschlimmern.
- Zeiten, in denen der spirituelle Bypass keine negativen Folgen hat
und für die Entwicklung einer Person nützlich oder sogar notwendig sein kann:- Natürlicher Schritt der spirituellen Entwicklung: Der spirituelle Bypass ist ein natürlicher Schritt für Menschen, die sich auf die spirituelle Reise begeben.
- Kurzfristige Bewältigungsstrategie: Verwendung des spirituellen Bypasses zur Bewältigung von hohem Stress oder schwierigen Situationen für einen kurzen Zeitraum.
- Gesunde Spiritualität
- Die Aufmerksamkeit auf verschiedene Lebensbereiche und Dimensionen des Selbst richten.
- An den verschiedenen Bereichen des eigenen Lebens arbeiten.
- Die Möglichkeit, sich mit der eigenen Gefühlswelt zu verbinden.
- Psychologische Arbeit leisten.
- Größeres Mitgefühl und Selbstmitgefühl.
- Gemeinschaft und Führung.
- Verwendete Wasaif
- Al‑Aziz
- Al‑Wadud
- Bibliographie
- Grenzen (unvollständige Auszüge).
- Ben‑Ze’ev, A. (2001). The subtlety of emotions.
- Greenberg, L.S. & Paivio, S. C. (2003). Working with emotions in psychotherapy. New York: Guilford Pr.
- Greenspan, M. (2004). Healing through the dark emotions.
- Lee, J. (2009). The anger solution: the proven method for achieving calm and developing healthy, long‑lasting relationships.
- Lewis, M., Haviland‑Jones, J.M, Feldman Barrett, L. (2008). Handbook of emotions. 3rd ed.
- Rosenberg, M. (2005). The surprising purpose of anger: Beyond anger management: Finding the gift.
- Woodruft, J. (2008). Anger management best practice handbook: Controlling anger before it controls you.
- Spiritueller Bypass, Gesunde Spiritualität und Auf den Punkt gebracht.
- Cashwell, C.S, Bentley, P. B. & Yarborough, J.P. (2007). The only way out is through: The peril of spiritual bypass. Counseling and Values, 51, 139‑148.
- Fox, J. & Picciotto, G. (2019). The mediating effects of spiritual bypass on depression, anxiety, and stress. Counseling and Values, 64, 227‑243.
- Khan, Vilayat. (1993). The ecstasy beyond knowing: a manual of meditation. New Lebanon, NY: Suluk Press.
- Picciotto, G. & Fox, J. (2018). Exploring experts’ perspective on spiritual bypass: A conventional content analysis. Pastoral Psychology, 67, 65‑84.
- Picciotto, G., Fox, J. & Neto, F. (2018). A phenomenology of spiritual bypass: Causes, consequences, and implications. Journal of Spirituality in Mental Health, 20, 333‑354.
- Grenzen (unvollständige Auszüge).
Wir haben uns entschieden, die Frage der Grenzen in unseren Unterricht aufzunehmen, weil wir glauben, dass Grenzen für unsere spirituelle Entwicklung sehr wichtig sind: Wollen wir eine gesunde Spiritualität leben, müssen wir gesunde Grenzen ziehen. Für diejenigen, die bereits mit dem Thema vertraut sind, ist dies eine freundliche Erinnerung. Für diejenigen, die noch nicht damit vertraut sind, sind dies einige grundlegende Informationen.
Es gibt zwei Arten von Grenzen: äußere Grenzen und innere Grenzen.
- Äußere Grenzen
Die äußeren Grenzen beziehen sich auf andere Menschen und wie nahe wir ihnen erlauben, uns und unserem Leben zu kommen. Wenn wir dies durch eine Bewegung symbolisieren, dann durch das, was von den anderen auf uns zukommt und wo, in welcher Entfernung, wir unseren Schutzzaun aufgestellt haben. Das hilft uns dabei:- unsere Gedanken und Gefühle von den Gedanken und Gefühlen der anderen,
- zu unterscheiden zu klären, wer wir sind und wer wir nicht sind,
- uns aufzuzeigen, wo wir anfangen und wo wir aufhören, sowie wo die anderen anfangen und wo sie in Bezug auf uns aufhören
- zu definieren, wie nah oder wie distanziert wir in Bezug auf andere Menschen sind, um so zwischen uns und den anderen den angemessenen physischen und emotionalen Raum zu schaffen.
Externe Grenzen können gesetzt werden, in Bezug auf:
- Physischen Kontakt: Wie nah wollen wir andere an uns physisch herankommen lassen? Wen und wann? [persönlicher Raum, sozialer Raum, öffentlicher Raum] ‑ [obligatorische Änderung der physischen Grenzen durch das Corona‑Virus ← wie wirkt sich das auf uns aus? Auf unsere Körperlichkeit und Erdung?]
- Unser Gefühlsleben: Wieviel Freude, Kummer oder Wut anderer Menschen könne wir zulassen, uns zu berühren? Bis zu welchem Punkt können wir mitgehen, ohne selbst wütend oder traurig zu werden? Sind wir in der Lage, uns selbst oder dem anderen Menschen zu sagen: "Dein Zorn ist dein Zorn und ich werde für ihn nicht Partei ergreifen, ich werde ihn nicht aufnehmen"?
- Unsere Sexualität: Wie wollen wir, dass sich unser Liebhaber, unsere Liebhaberin uns gegenüber verhält? Was gefällt uns und was missfällt uns beim Sex? Sind wir in der Lage, es zu kommunizieren und durchzusetzen?
- Die Art und Weise, wie Menschen mit uns sprechen. Können wir zum Beispiel sagen: "Ich werde ärgerlich, wenn Sie in diesem Ton mit mir sprechen"?
- Die Informationen, die wir zulassen wollen. Wissen wir zum Beispiel, dass wir das Recht haben, zu sagen: "Ich höre die Nachrichten nicht mehr, weil sie mich so aufregen"?
- Unsere Finanzen. Mit wem können wir ohne Probleme über ein Darlehen oder über unser Einkommen sprechen? Mit wem wollen wir nicht darüber reden, wie viel wir ausgeben und wo, wenn sie uns darum bitten?
- Und natürlich unsere Spiritualität: Wer soll unser spiritueller Wegbegleiter sein? Wem erlauben wir, uns in unserer Spiritualität zu lehren und warum? Wer ist unserer Meinung nach geeignet, uns zu unterrichten?
Wenn wir Grenzen setzen, werden wir fähig, mit unserem Ärger umzugehen, weil wir Konflikte, Stress, Intimität und unsere Komfortzone besser aushandeln können, weil wir wissen, wie weit wir gehen können. Beachten Sie, dass jeder Mensch seine eigenen persönlichen Grenzen hat.
Äußere Grenzen sind nicht funktionsfähig wo:
- Wir jemanden zu nah an uns herangelassen haben, denn wenn wir dies erkennen, verbannen wir ihn oder sie abrupt aus unserem Leben.
- Wir Mauern errichten, in denen wir uns selbst einschließen und andere Menschen und die Welt draußen zurücklassen.
- Wir unnachgiebig sind und nicht zulassen, dass neue Ideen oder neue Erfahrungen unsere Komfortzone erweitern, und
- Wir ständig unsere Ansichten, Meinungen und die Grenzen verändern, ohne uns irgendwo niederzulassen.
Es gibt zwei Situationen, in denen unsere Außengrenzen verletzt werden:
Die weniger aggressive Situation, in der die andere Person nicht angemessen über unsere Grenzen informiert ist, oder wir unsere Grenzen der anderen Person nicht richtig mitgeteilt haben. Im Gegensatz dazu haben wir den aggressiveren Fall, in dem der Verletzer weiß, was uns stört und es trotzdem tut.
Wenn unsere äußeren Grenzen verletzt werden, empfinden wir unterschiedliche negative Emotionen wie Wut, Angst, Scham, Unsicherheit.
Wir setzen äußere Grenzen, wenn wir sagen: Nein, nicht mehr, genug, stopp ‑ und wir auch das so meinen. Denn wenn wir nicht "Nein" sagen können, dann bedeutet unser "Ja" am Ende gar nichts. Letztendlich sagen wir zu allem "ja", um mit Menschen zu reden, die wir nicht mögen, und erleben Situationen, die wir verabscheuen, auf Kosten unserer körperlichen und psychischen Gesundheit. Auf diese Weise stauen wir Wut auf uns selbst und auf die Menschen um uns herum an, eine Wut, die sich zu Groll und Zorn auswächst.
- Innere Grenzen
Die inneren Grenzen hängen mit dem emotionalen und kognitiven Wissen zusammen, wie weit wir in einer romantischen Liebesbeziehung, in einer Freundschaft, in einer beruflichen Beziehung usw. gehen können. Sie hängen damit zusammen, wie sehr wir uns in der Beziehung zu der anderen Person öffnen oder verschließen. Wenn wir sie mit einer Bewegung symbolisieren, würde das damit zu tun haben, was von uns in Richtung der anderen ausgeht; damit, wie weit wir gehen können.
Oft haben wir erst viel zu spät erkannt, dass wir uns exponiert haben; dass wir mit Menschen oder Situationen viel mehr mitgemacht haben, als es uns angenehm war, gerade weil wir unsere inneren Grenzen ignorieren. Infolgedessen werden wir wütend auf uns selbst und auf andere.
Wie viel geben wir also anderen (und wem) Informationen über unser Gefühlsleben, unsere innere Welt, unsere familiäre‑ und persönliche Geschichte, unsere Erfahrungen (insbesondere die traumatischen), unsere Sexualität, unsere Spiritualität, unsere Zeit, unsere Ressourcen usw. weiter?
Bedenken wir, dass in Wirklichkeit innere Grenzen zu tieferen und bedeutungsvolleren Beziehungen führen können, gerade weil die beiden Beteiligten der Beziehung wissen, wie weit sie gehen können. Außerdem können Menschen, die ihre inneren Grenzen kennen und respektieren, sich selbstlos um andere Menschen kümmern, da sie aus dem, was sie anbieten, Energie gewinnen, statt Energie zu verlieren.
Schließlich helfen uns innere Grenzen, zwischen Qualität und Quantität zu unterscheiden. Indem wir wissen, wann wir mit anderen zusammen sein wollen und wie viel von uns wir ihnen zur Verfügung stellen können, gelingt es uns, Unbehagen und Frustration zu vermeiden. Es ist besser, weniger Zeit mit jemandem unter guten Bedingungen zu verbringen, anstatt viel Zeit unter schlechten Bedingungen zu vergeuden.
Sowohl äußere als auch innere Grenzen erhöhen die Zufriedenheit in Beziehungen und bringen die Beteiligten dieser Beziehungen näher zusammen. Dies geschieht, weil sie ein starkes Gefühl der Sicherheit schaffen. Wenn wir uns selbst respektieren und für uns selbst sorgen, sind wir in der Lage, bessere Entscheidungen auf allen Gebieten unseres Lebens zu treffen. Gleichzeitig vermitteln wir anderen klare Botschaften darüber, wie wir behandelt werden wollen und welche Folgen es haben wird, wenn sie uns nicht respektieren.
Wir sprechen von klaren Grenzen, und Grenzen schaffen Trennung. Dadurch werden wir von den anderen getrennt. Und doch, sagt uns Murshid:
"Der Keim der Trennung existiert sogar innerhalb eines sehr weiten Rahmens in einer Gemeinschaft, und wie weit gefasst die Bruderschaft auch sein mag; sie kann nicht vollkommen sein, solange sie Menschen von Menschen trennt. Wenn Sufis dies erkennen, befreien sie sich von nationalen, ethnischen und religiösen Grenzen und vereinigen sich in der menschlichen Bruderschaft, die frei von Unterschieden und Unterscheidungen von Klasse, Kaste, Glauben, Ethnie (race), Nation oder Religion ist und die Menschheit in einer universellen Bruderschaft vereint."
Source
Hazrat Inayat Khan ‑ Volume I ‑ The Way of Illumination,
Section I ‑ The Way of Illumination, Part I Sufi Thoughts
"Es bedeutet nicht, dass wir den Gedanken an uns selbst aufgeben sollten, dass wir niemals an uns selbst denken dürften, niemals an unser Mittag und Abendessen. Das Selbst ist da, wir müssen an uns selbst denken. Doch gleichzeitig wird uns geholfen, uns zu entfalten, die Willenskraft wachsen zu lassen, je mehr wir uns selbst vergessen."
Source
Hazrat Inayat Khan ‑ Volume XIV ‑ The Smiling Forehead
Part I, The Smiling Forehead, Chapter VI
Was sollen wir also tun? Wie bewahren wir feste Grenzen und lösen sie gleichzeitig auf, oder versuchen sie, um unserer Spiritualität willen, zu überwinden? Wir empfinden diese Frage nur dann als verwirrend, wenn wir nicht begreifen, dass es sich um zwei völlig unterschiedliche Arten von Grenzen handelt: psychologische und spirituelle. Wir brauchen gesunde und feste jedoch flexible (abhängig von der Person, mit der wir es zu tun haben, der Situation, dem Moment, der Art der Beziehung usw. angemessene) psychologische Grenzen, um die Grenzen zu überwinden, die uns vom Geliebten und dem Bewusstsein der Einheit mit der ganzen Schöpfung trennen.
Obwohl alle Forschungen einen positiven Zusammenhang zwischen Spiritualität und Gesundheit feststellen, gibt es aus psychologischer Sicht auch eine Schattenseite der Spiritualität. Diese wird als spiritueller Bypass oder spirituelle Umgehungsstrategie bezeichnet.
Spirituelles Bypassing ist ein Begriff, der 1984 von dem Psychologen und buddhistisch Praktizierenden John Welwood geprägt wurde, um den Gebrauch von spirituellen Praktiken, Erfahrungen und Überzeugungen als Strategie zu definieren, den Umgang mit ungelösten psychologischen Problemen ‑ also den "unerledigten Aufgaben" ‑ zu vermeiden. Anders gesagt: Ist es der Versuch einer Person, psychologische Wunden ausschließlich auf der spirituellen Ebene zu heilen und die wichtige (wenn auch oft schwierige und schmerzhafte) Aufarbeitung auf den anderen Ebenen, einschließlich der kognitiven, physischen, emotionalen und zwischenmenschlichen, vermeidet. Der emotionale, kognitive und physische Lärm vergangener Erfahrungen behindert jedoch die Fähigkeit, still zu werden, auf den eigenen Geist zu hören und die vom Geist empfangenen Botschaften in das tägliche Leben zu integrieren.
In späteren Jahren verwendete auch Charles Whitfield, ein Arzt und Psychotherapeut, der sich auf Trauma, Suchtheilung und Co‑Abhängigkeit spezialisiert hatte, diesen Begriff. Nach Whitfield bezieht sich der Begriff "spiritueller Bypass" auf einen Zustand, in dem eine Person versucht, notwendige Aufarbeitungen auf der psychologischen Ebene zu vermeiden oder zu umgehen, indem sie direkt auf die spirituelle Ebene wechselt. Dies gilt bei denjenigen, die einen spirituellen Weg verfolgen als ein häufig auftretendes Problem.
Pir Vilayat warnt uns in seinem wunderbaren Buch "The Ecstasy Beyond Knowing" vor dem spirituellen Bypass, indem er Folgendes sagt "An einem bestimmten Punkt unserer Suche nach Sinnhaftigkeit kann es uns plötzlich aufgehen, dass die Anziehungskraft tranceähnlicher Meditationen oder Retreats aus dem vielleicht unbewussten Wunsch erwachsen kann, einer Lebenssituation zu entfliehen; zum Beispiel der elterlichen Autorität oder der rücksichtslosen, erbarmungslosen Zivilisation, in der wir leben, mit ihrer Gewalt, Gier und Manipulation" (S. 18). Und auch: "Es kann geschehen, dass uns tatsächlich der unschätzbare Wert dessen entgeht, was die Menschen im Laufe der Jahrhunderte an Schönheit, materieller Bequemlichkeit und Ordnungsliebe erworben haben: das Staunen, die Aufregung, der Mut, die Verletzlichkeit und die bereichernde Wirkung des Teilens von Freude und Schmerz; Beziehung, Freundschaft, Loyalität und Dienst, in denen Gott als lebendige Realität zu finden ist. Es ist tragisch, sich in eine betäubte Psyche einzukapseln, die einen davor schützt, sich den Herausforderungen des Lebensdramas zu stellen, das sowohl die Feier im Himmel auf konkrete Weise in Gang setzt als auch unseren Mut auf die Probe stellt. Es gibt einen Weg, high zu sein, ohne spaced out zu sein." (S. 18, Hervorhebung durch Amina).
Der spirituelle Bypass tritt gewöhnlich dann auf, wenn eine Person in polarisierendem Denken annimmt, dass menschliche Themen unwichtig sind, und dadurch letztendlich Beziehungen und andere alltägliche Aspekte des Lebens vernachlässigt. Kurz gesagt, der spirituelle Bypass dient einer Vermeidungsfunktion; er ermöglicht es dem Einzelnen, die oft schwierige und schmerzhafte psychologische Arbeit der Heilung alter Wunden zu vermeiden.
Zu den häufigen Problemen, die durch solch einen Bypass entstehen, gehören zwanghafte Güte, die Unterdrückung unerwünschter oder schmerzhafter Emotionen, spiritueller Narzissmus, extreme äußere Kontrollmechanismen, spirituelle Besessenheit oder Sucht, blindes Vertrauen in charismatische Führer, Verdrängung von persönlicher Verantwortung und soziale Isolation. Die in der Literatur aufgeführten Hauptsymptome des spirituellen Bypasses sind emotionale Entfremdung und Verdrängung, übermäßige Distanziertheit, Überbetonung der positiven Seite einer Entwicklung, blindes oder übermäßig tolerantes Mitgefühl, Minimierung oder Verneinung des eigenen Schattens, Illusionen über das eigene Erwachen, alles, einschließlich des Leidens, als illusorisch anzusehen, um dem Leiden zu entkommen; Missachtung des Persönlichen oder Weltlichen und Übertreibung bestimmter Aspekte der Entwicklung. Da es sich um eine Form der Flucht handelt, bewirkt der spirituelle Bypass schließlich die Manifestation einer Reihe negativer Konsequenzen, wie z.B. ein übertriebenes Bedürfnis, andere und das eigene Selbst zu kontrollieren, Scham, Angst, zwiespältiges Denken, emotionale Verwirrung, hohe Toleranz gegenüber unangemessenen Verhaltensweisen, Coabhängigkeit und Schmerz. Eine weitere negative Folge des spirituellen Bypasses wäre spiritueller Materialismus (die Anwendung spiritueller Praxis um materiellen Gewinn zu erzielen). Schließlich gefährdet der spirituelle Bypass das langfristige spirituelle Wohlergehen, weil er den Prozess der spirituellen Entwicklung unvollständig bleiben lässt.
Schlussfolgerungen der Forscher: Gott (oder das höhere Selbst) kann in einem Meer selbstkritischer, durchschaubarer Überzeugungen, unterdrückter Emotionen oder in ungesunder Gemeinschaft mit anderen nicht vollkommen existieren. Nur durch die Transformation dieser Überzeugungen, Emotionen und ungesunden zwischenmenschlichen Verhaltensweisen kann das wahre Selbst des spirituellen Menschen freigelegt werden und gedeihen. Zum Leidwesen der Menschen wird die spirituelle Essenz oft durch emotionale, mentale, zwischenmenschliche und körperliche Kämpfe, die sich über die Lebensspanne hinweg anhäufen, verschleiert. Wir müssen uns daran erinnern, dass es bei spiritueller Praxis und emotionalem Wachstum nicht darum geht, ein bestimmtes Maß an "Wohlbefinden" zu erreichen. Ein Mensch auf der spirituellen Reise zu sein, bedeutet nicht, ständig Geld und Preise zu bekommen. Es geht darum, im gegenwärtigen Augenblick zu sein, wie auch immer dieser aussehen mag.
Der Weg zu einer gesunden spirituellen Entwicklung und Praxis beinhaltet:
- Die Aufmerksamkeit auf verschiedene Lebensbereiche und Dimensionen des Selbst zu richten.
- Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Bereichen des eigenen Lebens, wie Arbeit, Familie, Beziehungen, Spiritualität, Gesundheit und die Entwicklung des Selbst in allen Bereichen.
- Die Möglichkeit, sich mit ihrer Gefühlswelt zu verbinden: Das spirituelle Leben der Person gibt ihr die Möglichkeit, sich mit ihrer Gefühlswelt zu verbinden.
- Psychologisch zu arbeiten: Verknüpfung der spirituellen Praxis mit dem therapeutischen Prozess oder Lesen von Selbsthilfebüchern, Beitritt zu Selbsthilfegruppen, Besuch von Seminaren.
- Größeres Mitgefühl und Selbstmitgefühl: wenn Spiritualität einen Menschen an den Punkt des Mitgefühls für andere und für sich selbst bringt.
- Gemeinschaft und Begleitung: eine Gruppe, die unterstützend und sachkundig ist, oder jemanden, der als Mentor oder Lehrer fungieren kann; ein Wertesystem sowie eine Gruppe von Menschen zu haben, denen man angehören und die als Maßstab dienen kann.
- Engagement mit der Welt: eine spirituelle Praxis, die ein Engagement in der realen Welt und mit anderen Menschen ermöglicht.
Erfahrungsorientierte Übung (fakultativ).
Was erleben Sie gerade? Können Sie präsent sein mit all Ihren Gefühlen, ohne dass eines davon Sie definiert?
- Anzeichen von spirituellen Bypass
Spiritueller Bypass liegt vor:
- Wenn spirituelle Überzeugungen und Praktiken eingesetzt werden, um den Umgang mit psychologischen Problemen oder Traumata, Schwierigkeiten in Beziehungen, emotionalen Mühen und Entwicklungsaufgaben zu vermeiden.
- Wenn spirituelle Ideen und Überzeugungen zur Selbstverteidigung und als Rechtfertigung für impulsives Handeln verwendet werden.
- Die Polarisierung von spirituellen Praktiken als überlegen und der psychologischen oder physischen Arbeit als minderwertig.
- Kategorien von spirituellen Bypass
- Normaler Bypass.
- Von Stimmungszuständen bestimmter Bypass.
- Problematischer Bypass.
- Narzisstischer Bypass.
- Hauptsymptome
- Wenn Menschen von ihren Emotionen abgekoppelt sind.
- Angst davor, wütend zu werden.
- Auf die Ebene des Verstandes zu wechseln, womit die Person unbehagliche Emotionen vermeidet, indem sie sich auf Fakten und Logik konzentriert. Die kognitive Intelligenz der Person ist viel weiter entwickelt als ihre moralische und emotionale Intelligenz.
- Eine vordergründige Akzeptanz oder Nicht‑Akzeptanz des Schattens oder der negativen Seite der Menschlichkeit.
- Eine unrealistische Betonung des Positiven.
- Schwierigkeiten, sich auf Beziehungen einzulassen.
- Vermeiden von Kontakt mit Menschen, die als nicht spirituell angesehen werden.
- Narzissmus und Grandiosität im spirituellen Bereich.
- So zu tun, als ob man geistig den anderen überlegen sei, Eigentümer der Vernunft, Besitzerin aller Antworten, der/die Einzige, der über den Tellerrand hinausschaut.
- Ein blinder Glaube an charismatische Lehrer.
- Ein übertrieben toleranter, unhinterfragter Versuch von Fürsorge.
- Um andere nicht zu enttäuschen, fürchtet sich die Person davor, Grenzen zu setzen und andere zu konfrontieren.
- Man meidet Verantwortung, insbesondere in Bezug auf Arbeit oder Geld; man nimmt seine Karriere nicht ernst und hat keine Pläne in Bezug auf Geld.
- Magisches Denken, eine Mischung aus Aberglauben, illusorischen Zusammenhängen und der Vermischung von Wechselbeziehung und Kausalität, die dem eigenen Wünschen, Wollen und Vorstellungsvermögen ein unverhältnismäßig hohes Maß an Macht zuschreibt.
- Der Verlust der Intimität mit dem eigenen Körper; eine gewisse Verachtung für den physischen Körper.
- Persönlichkeitsmerkmale
- Ungesunde Bindungsmuster / Co‑Abhängigkeit.
- Sehr anfällig für Stress / emotional überreaktiv.
- Überlebende von Traumata.
- Schwierige nicht förderliche (ungünstige) Umgebungen.
- Mögliche Gründe
- Geringe Toleranz, die eigenen Schmerzen in den Blick zu nehmen und zu bearbeiten.
- Negative Einflüsse von religiösen/spirituellen Führern und Gemeinschaften.
- Empfangen starker negativer Botschaften hinsichtlich Selbstwertgefühl und Selbstachtung.
- Negative Auswirkungen
- Die Person bleibt in ihrem Leben stecken, weiß nicht, was sie tun soll, dreht sich im Kreis.
- Die Person bleibt in ihrem spirituellen Leben eher unreif.
- Es fehlt ihr an Selbstbewusstsein, sie ist nicht in der Lage, eine umfassendere Sichtweise einzunehmen, sie verliert den Zugang zu sich selbst.
- Nicht erwachsen zu werden, im magischen Denken stecken zu bleiben.
- Unnötig zu leiden und andere in unterschiedlicher Intensität leiden zu lassen, abhängig davon, wie schwerwiegend die Probleme sind, die sie haben.
- Sie kümmern sich nicht um ihre Beziehungen und Familien.
- Die Schwierigkeit, sich mit anderen Menschen zu verbinden, führt zum Abbruch der empathischen Beziehungen zu einer anderen Person.
- Ausnutzen der Unentschlossenheit und des Ausweichens anderer Menschen.
- Sie nutzen die Stagnation und Verletzlichkeit anderer aus, indem sie ihnen Dienste verkaufen, die oft ihren spirituellen Bypass noch verschlimmern.
- Zeiten, in denen der spirituelle Bypass keine negativen Folgen hat
und für die Entwicklung einer Person nützlich oder sogar notwendig sein kann:- Natürlicher Schritt der spirituellen Entwicklung: Der spirituelle Bypass ist ein natürlicher Schritt für Menschen, die sich auf die spirituelle Reise begeben.
- Kurzfristige Bewältigungsstrategie: Verwendung des spirituellen Bypasses zur Bewältigung von hohem Stress oder schwierigen Situationen für einen kurzen Zeitraum.
- Gesunde Spiritualität
- Die Aufmerksamkeit auf verschiedene Lebensbereiche und Dimensionen des Selbst richten.
- An den verschiedenen Bereichen des eigenen Lebens arbeiten.
- Die Möglichkeit, sich mit der eigenen Gefühlswelt zu verbinden.
- Psychologische Arbeit leisten.
- Größeres Mitgefühl und Selbstmitgefühl.
- Gemeinschaft und Führung.
- Verwendete Wasaif
- Al‑Aziz
- Al‑Wadud
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