Heilung von Leid aus unserer historischen Vergangenheit
Heilretreats ‑ Heilzeremonien ‑ Friedensmarsch

Heilen ist mit Friedensarbeit sehr eng verknupft und zeigt sich in vielen Formen und Gestalten. Möge dieser Bericht ein Beispiel dafur sein.
Gegen Ende der 90er Jahre kommt Seine Heiligkeit der Dalai Lama nach Wien und besucht die Friedenspagode an der Donau. Das ist die wunderbare Möglichkeit, ihn zu sehen. Bei diesem Anlass lerne ich den japanisch buddhistischen Mönch Gyosei Masunaga kennen, der die Friedenspagode und den zukunftigen Tempel betreut. Dieser bittet mich um Hilfe, da er einen Tempel von ca. 450 m2 bauen muss und die Zeit bereits limitiert ist. Ich verspreche ihm zu helfen. So bin ich mit in der Bauleitung wahrend der Bauzeit von 1989 ‑ 1992.


Zur gleichen Zeit baue ich in Wien von 1989 ‑ 1990 mit Hilfe von Freund*innen eine Kiva (Ritualraum) nach dem Vorbild der Indianer der Picuris Pueblos zur Heilung von Himmel und Erde. Beautiful Painted Arrow von diesem Stamm verbindet weltweit diese Räume, wie ein Netz für den Frieden. Dieser Ort hat auch immer eine indianische Schwitzhütte fur Reinigung und Heilung. Von 1990 ‑ 2022 findet monatlich eine Schwitzhütte und eine Rituelle Körperhaltung nach Prof. Felicitas Goodman statt.

Zu Beginn des Jahres 1991 bin ich nach Japan eingeladen, um an der Gedenkfeier des Friedensmönches Ven. Nichidatsu Fuji Guruji teilzunehmen. Viele Menschen aus allen Teilen der Welt versammeln sich zu seinem 7. Todestag, dem 9. Janner 1991, um an seinem Grab und in seinem Tempel zeremoniell für den Frieden zu beten. Dieser besondere Mönch erbaute ca. 90 Friedenspagoden weltweit. Er war in Verbindung mit Ven. Mahatma Gandhi und gründete den buddhistischen Nipponzan Myohoji Orden. Ven. Mahatma Gandhi integrierte das Friedensmantra
NA MU MYO HO REN GE KYO
(Lotos Sutra auf japanisch)
in sein tägliches Gebet.
Anschließend lädt uns der Mönch aus Hiroshima zu sich in den buddhistischen Tempel ein. Wir besuchen als erstes die Friedenspagode, die von amerikanischen Soldaten gespendet wurde.


Dann ist der Besuch des Memorials von Hiroshima angesagt. Im Sarkophag sind 300.000 Namen von Todesopfern der Atombombe und Helfern verzeichnet. Bei meinem Eintreffen im Memorialpark kommt ein Journalist auf mich zugelaufen: „Was sagen Sie, vor 5 Minuten wurde begonnen, Bagdad zu bombardieren!?“. Fur mich ist es eine große Erschütterung, an so einem Ort eine solch schwere Nachricht zu bekommen. Wir, 2 Mönche, 2 Freundinnen aus Europa und ich, sitzen einen Tag an diesem Ort, das Lotos Sutra zu rezitieren und die Trommel zu schlagen. Während der Mittagspause kommen Menschen aus Fabriken und Büros, um dort schweigend mit einer Tafel in der Hand gegen den Krieg zu demonstrieren. Abends in den buddhistischen Tempel zurückgekehrt, hören wir im Fernsehen einen Piloten sprechen: „Wir haben Bagdad erleuchtet wie einen Christbaum.“ (mit Bomben)
Wieder zurück in Tokyo sitzen wir mit den buddhistischen Nonnen und Mönchen an einem öffentlichen Platz, um für den Frieden zu chanten. Am kältesten Tag gehen wir mit ihnen einen weiten Weg trommelnd durch Tokyo ‑ „cold practice“ wird es genannt.
1993 nehme ich am Retreat mit dem Sufimeister Pir Vilayat Inayat Khan in Bodhgaya teil, dem Erleuchtungsort von Buddha.
1994 bittet mich Pir Vilayat, in Dachau eine Gedenkfeier für seine Schwester zu veranstalten. Er sagt mir, dass er es gesundheitlich nicht schaffe und es zu schmerzhaft fur ihn sei, diesen Ort zu besuchen, wo seine Schwester so viel Leid erlitten hat. Noor‑un‑Nisa Inayat Khan ging in Frankreich als Funkerin in die Resistance gegen die Nazis und wurde verraten. Sie wurde zuerst in Paris gefangen genommen, und nach zwei Fluchtversuchen kam sie nach Deutschland. Ihre Haftbedingungen in Pforzheim waren unmenschlich. In das KZ‑Dachau überstellt, wurde sie gefoltert und am 13. September 1944 ermordet.


1994 beginnt der intemationale interreligiöse Friedensmarsch von Auschwitz bis Hiroshima unter der Leitung von Ven. Gyoso Sasamori des Nipponzan Myohoji Ordens anlässlich 50 Jahre Ende des 2. Weltkrieges.
Am 27. 11. 1994 beginnt der Friedensmarsch in Dachau mit der Zeremonie für Noor‑un‑Nisa und allen, die an diesem Ort gelitten haben. Es ist sogar möglich, dieses Gedenken mit Überlebenden zu begehen. Ein Kinderchor singt fur all die Kinder, Teilnehmende des Friedensmarsches und Besucher unterstützen mit Gebeten aus verschiedenen Traditionen und Ländern. Anschließend geht es nach Auschwitz.
Im Dezember 1994 haben wir, geleitet von buddhistischen Nonnen und Monchen, ein internationales interreligioses Fasten auf der Selektionsrampe in Auschwitz‑Birkenau. 6 Tage no food no water (nach 3 Tagen fasten 1 Tag Reinigung und dann wieder 3 Tage fasten, dann wieder Reinigung) und 12 Std. chanten, trommeln und interreligiöse Gebete. Das Fasten und Beten ist das, was für die Seelen geopfert wird. Zuerst ist ein Gefühl von Nicht‑atmen‑Können und unvorstellbaren Schmerzensbildern. Es wird sehr eng, auch depressive Gefühle tauchen auf. Es geht in die Tiefe. Eines ist wichtig ‑ zu bleiben, fortzusetzen und nicht aufzugeben. Wir feiem Chanukka vor dem Tor von Auschwitz mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“.

Bei Schnee und Eis ist es kalt. Jedoch das Mitleid mit sich selbst beschämt, denn diese Seelen haben unvorstellbar gelitten. Wir fragen uns immer wieder „Warum, warum...“. Gegen Ende setzt Regen ein. Wir müssen noch in den Überwachungsturm, da es so nass ist. Plötzlich kommt eine Wende. Ein so positives Erleben taucht auf, es ist ein ekstaseähnlicher Zustand. Die Sonne erhebt sich aus den Regenwolken, und das Ende ist begleitet von diesem Sonnenball mit all seinem Licht.
Anschließend gehen wir ca. 100 Personen zu Fuß von Auschwitz nach Wien, die Strecke des Todesmarsches vor 50 Jahren. Die Häftlinge von Auschwitz wurden kurz vor der Befreiung auf den Todesmarsch geschickt. Da sie völlig entkräftet waren, starben viele auf diesem Gang. Die Überlebenden kamen in das KZ‑ Mauthausen in Österreich.
Wir gehen pro Tag 30 km. Wir erfahren unsägliche Schmerzen und viele erschütternde historische Informationen. Wir erleben wunderbare Empfänge in den Dörfern Polens und Tschechiens, mit bester Weihnachtsbäckerei und diversen anderen Essen. In all den Orten erklingt Shalom von unseren jüdischen Teilnehmer*innen des Friedensmarsches. In diesen Dörfern gab es eine jüdische Bevölkerung, jedoch kein Jude lebt mehr in diesen Orten.
Ich habe einige Zeit ständig Angst, mit der Gruppe nicht mithalten zu können, verstehe die Sprache nicht und weiß den Weg nicht. Menschen erzählen von ihrer leidvollen Vergangenheit. Wir erfahren immer wieder diese Schwere, die es zu durchlaufen gilt, bis man leicht wird wie eine Feder. Entlang des Weges wird das Lotos Sutra für den Frieden und Heilung gesungen und dazu getrommelt.
Die Alliierten entschieden, dass 1946 alle Deutschen aus der Tschechoslowakei auswandern müssen. So revanchierten sich die Tschechen für die Gräueltaten der Nazis und schickten von Brünn, wo ein besonders grausames Gefängnis war, die ansässigen Deutschen auf einen Todesmarsch. Sie bekamen weder zu essen noch zu trinken. Da es Sommer und heiß war und die Menschen vom Krieg entkräftet waren, starben alle alten Leute und Kinder unter 10 Jahren.
Die Tschechen bitten uns, zu dem Kreuz zu gehen, wo 700 Deutsche begraben sind, um dort zu beten. Eine Frau aus Brünn berichtet uns, dass nach dem Krieg die ,amerikanischen Befreier‘ alle Frauen vergewaltigten.
Als wir die österreichische Grenze erreichen und die Beamten uns einfach durchwinken und niemanden kontrollieren, stehen mir die Tränen in den Augen.
Ich erkenne, dass ich für alle, die von Österreich deportiert wurden und nie mehr oder mit großen Schmerzen nach furchtbaren Erlebnissen zurückkehrten, symbolisch nach Hause gehen will.
Über Weihnachten sind wir in Poysdorf. Der Pfarrer lädt uns ein, in die Christmette zu kommen und über den Friedensmarsch zu sprechen. Am nächsten Tag sind wir wieder im Hochamt willkommen. Vertreter*innen aus vier Religionen werden aufgefordert zu beten und zu singen. Das Friedensmantra wird von den Buddhisten dargebracht. Eine Amerikanerin offeriert eine indianische Zeremonie. Die Jüdinnen singen Shalom und ein Teilnehmer aus Mexiko betet ein christliches Gebet.
Die Bewohner*innen dieses Ortes sind zu uns sehr offen. Wir treffen Maria Loley. Sie wurde geehrt für das beste Flüchtlingsprogramm in Österreich. Sie erreichte, dass jedem Flüchtling in dieser Gegend zur Unterstützung eine einheimische Person zur Seite steht. Leider wurde Maria später von einer Briefbombe verletzt, indem sie einen Finger verloren hat.

Nach 17 Tagen gehen wir bei Eis und Schnee nach Wien hinein. Als wir die Stufen der buddhistischen Friedenspagode an der Donau singend hoch gehen, fliegt ein Vogelschwann über die Pagode.
Ich gehe mit nach Kroatien. Hier begegnet uns der Bosnienkrieg. In Zagreb treffen wir uns mit Vertreter*innen von fünf Religionsgemeinschaften, jüdisch, muslimisch, christlich orthodox und katholisch. Hier nehmen wir auch Kontakt mit der Friedensbewegung auf. Wir haben eine sehr gute Begegnung mit der Gruppe ,Mothers for Peace´. Ich muss hier leider den Friedensmarsch verlassen.
Ich fahre nach Suresnes, einem Vorort von Paris, um Pir Vilayat fur drei Wochen zu unterstützen. Ich berichte dort vom Retreat in Auschwitz und vom Friedensmarsch nach Wien. Am darauffolgenden Tag kommt Pir Vilayat und sagt: „Wenn Sie in Auschwitz gefastet haben und bis Wien gegangen sind, muss ich nach Dachau gehen. Ich werde dort die H‑Moll Messe aufführen.“ So geschieht es auch. 1996 dirigiert Pir Vilayat mit Unterstützung von Ophiel Maarten van Leer in Dachau die H‑Moll Messe fur seine Schwester Noor‑un‑Nisa, für die Leidenden dieses Ortes und als Friedensinitiative. Nach dem Krieg erlebte Pir Vilayat durch wiederholtes Anhören der H‑Moll Messe von Bach Heilung von Kriegswunden, wodurch er wieder ins Leben zurückkehren konnte.
Der Friedensmarsch geht weiter nach Bosnien, Israel, Palastina, Jordanien, Iran, Indien, Malaysia, Thailand, Kambodscha, Vietnam und Philippinen.
Im August 1995 bin ich wieder in Japan mit dabei. Friedensmarsch und ein Tag fasten in Hiroshima. Dann beginnen die Feierlichkeiten zur 50‑Jahr‑Feier in Hiroshima und Nagasaki.
Ein Amerikaner bringt Wasser aus Pearl Harbour mit, vermischt es mit Wasser von Hiroshima und sagt: „Es schmerzt mich, dass mein Land sich bis heute nicht für diese beiden Atombomben entschuldigen kann.“
Wir haben die Chance, Überlebende von Hiroshima und Nagasaki kennen zu lernen. Diese Menschen erzählen, wie schwer es für sie ist, ihr Leben trotz Verstrahlung mit den schmerzhaften Zuständen und Folgeerkrankungen fortzusetzen. Amerika lässt ihnen ärztliche Hilfe zukommen, doch die Überlebenden meinen, dass dies nur geschieht, weil sie die Ergebnisse wissenschaftlich nutzen wollen. Nach dem Krieg mussten die Überlebenden die rückwärtigen Gassen der Orte benutzen. Sie erlebten Ächtung. Ihre Rolle erinnert mich an unsere Roma, Sinti und Lovara, die das KZ überlebt haben. Die Überlebenden der Atombomben erinnern sich an die Gräueltaten der Japaner in China, Korea, Mongolei, Philippinen etc. Sie wollten etwas tun. So sind sie an Orte gefahren, wo Schlimmes geschehen ist und haben Bäume gepflanzt, als Ausgleich für dieses Unrecht. Ich treffe buddhistische Mönche, die erzählen, dass sie im Krieg so viel Schreckliches gesehen haben, dass sie nicht mehr nach Hause zuruckkehren konnten. Sie sind Mönche fur den Frieden geworden. Ein christlicher Mönch berichtet, dass er im Kambodschakrieg einen Lungenflügel verloren hat und ebenfalls wegen seiner Kriegserlebnisse Mönch wurde. Er ging als Japaner nach Nanking, mit Vermittlung durch das Rote Kreuz. Sein Wunsch war, Überlebende des Massakers der Japaner zu treffen und um persönliche Behandlung zu bitten. Bei seiner Ankunft, wurde er von zwei Überlebenden abgeholt. Er warf sich weinend vor ihnen auf den Boden und rief sie um Verzeihung an. Sie baten ihn aufzustehen und sich vor ihrer Begegnung einer Akupunkturbehandlung für seine Gesundheit zu unterziehen. Dieser japanisch‑ christliche Mönch nahm auch am Fasten in Auschwitz teil.
In Japan haben wir noch die Möglichkeit, einen alten Shinto‑Priester kennen zu lernen. Er führt uns an einen Ort des Heilens, eine wunderschöne Naturlandschaft mit Wasserläufen. Dann sind wir zu Gast in seinem traditionellen Tempel. Er spricht darüber, wie wichtig es ist, Orte zu besuchen, wo Schlimmes geschehen ist, und die Seelen, die an diesen Ort gebunden sind, zu befreien ‑ to release the spirits. Es besteht die Gefahr, dass an solchen Orten Gleiches wieder passiert. Er berichtet, dass er an so einem Ort ein Glas Wasser offerierte. An der Bewegung des Wassers sah er, dass das Geschenk angenommen wurde. Es gab Resonanz.
Jahre später, als ich in Wolgograd das ehemalige Schlachtfeld von Stalingrad besuche und gesagt wird, dass es bereits das Schlachtfeld von Napoleon war, fällt mir sofort die Äußerung dieses Shinto‑Priesters ein.
Beeindruckt von den Erfahrungen in Japan wird mir klar, wie wichtig diese Arbeit auch in Europa ist, vor allem nach dem 2. Weltkrieg. So will ich diese interreligiöse internationale Heilarbeit an Orten der Nazigräuel fortsetzen.
Kurzfristig werde ich in Japan gebeten, an einer Vortragsreise in verschiedene Orte mit dem Thema Auschwitz und Bosnien teilzunehmen. Da ich von Polen Hilfslieferungen von Kartoffeln und Kraut nach Bosnien ins Kriegsgebiet organisierte und am Fasten in Auschwitz teilnahm, fällt die Wahl auf mich. Es sind wunderbare Begegnungen. Es ist eine besondere Ehre, dass Ven. Maha Ghosananda aus Kambodscha mit uns reist. Er wird als Gandhi von Kambodscha angesehen. Er leitet den Friedensmarsch durch ganz Kambodscha.
In Hiroshima sind wir dankbar, in einer Turnhalle am Boden übernachten zu können, im August ohne Klimaanlage. Auf dieser Vortragsreise dürfen wir an der Westküste Japans in einem Appartementhaus des Kaisers zwei Nächte verbringen. So gibt es immer wieder Überraschungen.
Noch im Jahr 1995 fasten wir im ehemaligen Frauen‑KZ Ravensbrück ebenso fünf Tage trocken (zwei Tage fasten, Reinigung und zwei Tage fasten, Reinigung), begleitet von interreligiösen Gebeten. Frauen aus neun Nationen, aus verschiedenen religiösen Traditionen und der Friedensbewegung nehmen daran teil.
Die Frauen und Mädchen dieses KZs mussten Zwangsarbeit leisten. An vielen wurden die Sterilisation medizinisch erforscht. Es war ein grausamer Tod oder ein schmerzhaftes Überleben. Ebenso wurden Frauen für die Prostitution ins KZ Dachau gewonnen, mit dem Versprechen, frei zu kommen. Dies stellte sich als Lüge heraus.


Wir empfangen Ceija Stojka, eine Romni, die als Kind diesen Ort überlebte, am 5. Tag mit einem Strauß roter Rosen. Wir begleiten sie an den Schwettsee, in dem sich die Asche ihrer Freundin und ihrer Verwandten befindet. Sie streut die Blütenblätter einzeln ins Wasser und ruft auf Romanes über den See. Ein Wind fährt über den See und kräuselt das Wasser. Auf ihren Wunsch schlafen wir nachts in ihrem Raum, sie träumt von den Verstorbenen, dass es ihnen gut geht, und sie sagen ihr „Kommt wieder“. Zum Abschluss haben wir eine Zeremonie vor dem Krematorium, dem Erschießungsgang und dem Gefängnis. Ceija bittet um zwei Kerzen, zündet diese an für ihre zwei größten Peinigerinnen und vergibt ihnen, sie beginnt zu tanzen...
1996 gehen wir den Friedensmarsch im Westjordanland von Jenin nach Hebron. Wiederum ist unser Gang begleitet vom Friedensmantra, interreligiösen Gebeten und Trommeln. Die Geschichte ist sehr dicht, das Leid sehr groß, die Landschaft wunderschön. Zur Wahl von Arafat sitzen wir einen Tag fastend und betend im Zentrum von Hebron.
1996 geht es in das ehemalige KZ Bergen‑Belsen. Wieder fasten wir fünf Tage und schließen mit einer Feier. Erneut kommt Ceija am letzten Tag nach Bergen‑ Belsen und beendet unser Fasten. Sie berichtet von ihren Erlebnissen als Kind in diesem KZ. Es ist das dritte KZ, das sie überlebt hat. Als Kind musste sie mit anderen Leichen schleppen. Es stank derart, dass keine Vögel über dieses Gebiet mehr flogen. Es waren so viele aufgetürmte Leichen, dass Ceija nicht mehr in die Weite sehen konnte. Es gab keine Versorgung mehr. Die Mama hat ihr einen Saft von einem Baum und dessen Blatter gezeigt, die sie essen soll. Das hat ihr das Leben gerettet.
Dort wurden sie von den Alliierten befreit. Plötzlich stand ein Panzer vor ihnen, und sie waren frei. Die amerikanischen Soldaten kochten in großen Gefahren Essen ‑ ,Gulasch‘ ‑ und gaben ihnen zu essen. Laut Ceija erblindeten sie für einen Tag, da sie lange Zeit keine Nahrung zu sich genommen hatten. Die Mutter lief mit ihr zu Fuß durch ganz Deutschland nach Wien und suchte nach ihren Kindern.

Ceija begann ca. 40 Jahre nach ihrer Befreiung zu malen. (Stojka, Ceija: Bilder und Texte 1989 ‑ 1995, KZ und die Mutter Gottes, die himmlische Führerin der Rom).

1997 geht es nach Lidice (Tschechien). Wir fasten wieder fünf Tage, begleitet von Gebeten und Trommeln. Wir haben die Chance, überlebende Frauen zu sprechen.
1942 wurden alle Männer dieses Ortes erschossen, die Frauen kamen ins KZ‑ Ravensbrück. Blonde Kinder wurden germanisiert, alle anderen Kinder in einem Wagen vergast. Das Dorf wurde mit dem entwendeten Geld der Bevölkerung dem Erdboden gleich gemacht. Es war eine Rache für das Attentat an Reichsratsprotektor Heydrich, dem Vertreter von Hitler. Das Dorf war unschuldig.
Niemand erzählte den Frauen, was den Männern und Kindern geschehen war.
Die Frauen, die das KZ überlebten, gingen heim. Als sie in die Nähe kamen, sahen sie keinen Kirchturm. Erst da erfuhren sie die Wahrheit. Diese Frauen errichteten neben dem alten zerstörten Dorf ein neues, und sie suchten nach ihren Kindern. Die Bildhauerin Marie Uchytilova gestaltet alle 82 Kinder und brachte diese zum Gedenken in einer Bronzestatue zusammen.

1998 fahren wir mit dem Zug nach Wolgograd, ehemaliges Stalingrad. Dort angekommen, führt uns die wunderbare Dolmetscherin Helena durch den Ort und deren Geschichte. Die Deutsche Wehrmacht war eingekesselt. Sie hätte an einer Stelle ausbrechen können, doch Hitler verhinderte dies. Er wollte nicht, dass Soldaten heimkommen und erzählen, dass sie nicht gesiegt haben und von dem Elend berichten. Das war ein Wendepunkt. Bereits 1943 zeigte sich die Niederlage, auch wenn der Krieg noch zwei Jahre bis zum endgültigen Ende dauerte. So starben 300.000 Soldaten der Deutschen Wehrmacht in Stalingrad, viele erfroren in diesem kalten Winter.
Immer wer den Mamai‑Hügel eingenommen hat, war Sieger. Letzten Endes siegten die Russen, jedoch zu einem hohen Preis. Zwei Millionen Russen starben in diesem Kampf. Die russischen Soldaten wurden vom Ostufer zum Westufer der Wolga per Schiff gebracht. Sie mussten nach vorne gegen die Deutschen gehen, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Munition. Beim Zurückgehen wurden sie von den eigenen Soldaten erschossen. Sie wurden wie ein Menschenteppich benutzt. Die ganze Stadt war zerstört. Nach dem Krieg besiedelten Frauen wieder diese Stadt. Sie wohnten in Höhlen.
1996 wurde die riesige Figur, die RUSSIA, auf den Mamai‑Hügel installiert.

Neben der katholischen Kirche fasten wir wieder fünf Tage, zehn Stunden durchgehend begleitet von interreligiösen Gebeten, Gesängen und Trommeln fiir alle dort Verwundeten und Verstorbenen und deren Familienangehörigen und fiir den Frieden.
Zusatzlich lesen wir aus dem Buch „Letzte Briefe aus Stalingrad“ (C. Bertelsmann, Gutersloh, 1954). Diese Briefe wurden den Angehörigen nicht mehr zugestellt. Sie wurden mit der letzten Maschine noch herausgeflogen. Wir können immer nur ein paar Briefe lesen, denn nach kurzer Zeit stehen uns die Tränen in den Augen. Die Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod, die Liebsten nicht mehr wiederzusehen, die Vorstellung, unter welchen Problemen wohl die Angehörigen zu kämpfen haben, Reflexionen über das Wesentliche im Leben, die Schmerzen, Hunger, Kälte, die Entstellung der Verwundeten, der Verlust von so vielem und die Frage nach dem Sinn dieses Leidens und bei vielen das Wissen darum, für einen sinnlosen Zweck missbraucht worden zu sein ‑ das sind wiederkehrende Themen.
Eine Freundin zeichnete auf, welche rituellen Körperhaltungen zwischen Willendorf (Österreich) und Wolgograd gefunden wurden. Wir gehen täglich in das Erleben einer solchen Haltung. Dieses schamanische Arbeiten wurde initiiert von Prof. Felicitas Goodman. Körperhaltungen haben einen Einfluss auf das Bewusstsein und somit auf das Erleben. Ein Beispiel, die Venus von Hluboke, gefunden in Mahren (Tschechien). Sie ist ca. 4700 v. d. Z. alt, 36 cm groß und aus Ton. Sie befindet sich im Museum in Brunn. (Abgerufen am 18. 2. 2023).

Das Fasten regt persönliche Prozesse an, so wie die Auseinandersetzung mit dem Geschehen dieses Ortes. Große Freude ist bei uns am Ende des Fastens in Wolgograd. Da Pfingsten ist, fahren wir mit unserer geliebten Dolmetscherin Helena am nächsten Tag zur Russisch‑Orthodoxen Kirche. Diese Pfingstfeierlichkeiten mit den Gesängen von Chor und Priester, den vielen Blumen, die den Boden bedecken, die vielen Kerzen vor den Bildern der Mutter Gottes, dem Weihrauch, all den feierlichen Menschen und der guten Atmosphäre, berühren uns. Dann geht es nach Beschanka, wo wir zuerst am österreichischen Mahnmal und dann am russischen eine Zeremonie haben. Weiter fahren wir nach Rossoschka, wo von Deutschland ein Friedhof errichtet wurde. Dort werden die Toten begraben, teilweise umgebettet und zeremoniell beigesetzt. Hier bringen wir ebenso Gebete für den Frieden dar.
Wir nehmen Abschied von Wolgograd, auch von unserem Hotel, das direkt an der Wolga liegt und von dem aus wir jeden Morgen über dem Wasser den Sonnenaufgang betrachten konnten.
Einen Dank an alle, die diese Reise unterstützt haben, besonders an das Schwarze Kreuz.
Auf der Rückreise kommen wir nach Moskau und freuen uns, die Stadt zu besichtigen. Beeindruckend für uns ist ein Abend, zu dem uns die Quäker einladen. Ein Orientalist erzählt uns von seiner Teilnahme an einem Friedensmarsch durch Tschetschenien während des Krieges. Dort lernen wir auch Russische Soldatenmütter kennen. Sie berichten von ihren Tätigkeiten, die sie selbst finanzieren müssen, weil sie keine Unterstützung erhalten.
Da es zum russischen Militärdienst keine Alternative gibt, und jedes Jahr allein 6.000 Soldaten (1998) durch ,Behandlung sprich Folter‘ im Militardienst sterben und viele vermisst werden, widmen sich die Soldatenmütter neben ihrer eigenen Arbeit diesen Soldaten und deren Müttern. Sie helfen den Müttern, ihre Söhne wieder zu finden. Sie kämpfen um eine Veränderung der militärischen Struktur. Sie helfen Deserteuren, die nur versteckt leben können, auch wenn sie zum eigenen Schutz vor tödlichen Gewalttaten davongerannt sind, zu einem gerichtlichen Verfahren, um wieder in ein ziviles Leben eintreten zu können. Sie fordern, in Kriegen die Soldaten auf beiden Seiten zu begraben z. B. in der Vergangenheit im Tschetschenienkrieg. 1989 konnten mit Unterstützung der Russischen Soldatenmütter 176.000 Studenten, die nach dem ersten Studienjahr zum Militär einberufen wurden, in die Universität zuruckkehren, um ihr Studium fortzusetzen. Die Soldatenmütter haben viele weitere Aufgabenbereiche. 1998 erreichten sie eine Amnestie für all diejenigen, die die Armee der Einberufenen verlassen haben. 1996 bekamen die Russischen Soldatenmütter den alternativen Nobelpreis verliehen.
Eine Mutter aus Tschetschenien erzählt uns von einem langsamen Sterben in ihrem Land. So viele Waisenkinder, die Heime zerstört, keine Arbeit, keine Produktionen mehr, die Hauser zerbombt, die Blicke der Kinder vom Krieg zerstört, die Psyche vieler Menschen zerrüttet. Wegen der Entführungen gab es keine Hilfe von außen. Diese Mutter ging in die Wälder und suchte Kinder, die dorthin geflüchtet waren, um sich dort zu verstecken. Sie versuchte, sie in Familien in Moskau oder Umgebung unterzubringen. Wochen später, als ich ihr eine Unterstützung für ihr Projekt schickte, rief sie mich kurz an, bedankte sich und teilte mir mit, dass sie am Leben sei. Ihre Arbeit wird einige Male mit einem Preis beehrt.
2000 findet das letzte fünftägige rituelle Fasten und Beten mit Gesängen in Wien statt, im Otto‑Wagner‑Spital am Spiegelgrund neben dem Todespavillon der Kinder. Wir laden verschiedene Religionsvertreter*innen und die Friedensbewegung von Wien ein. Diese kommen und bringen Gebete und Gesänge für die Opfer dar.
Kinder wurden während der Nazizeit verfolgt, stigmatisiert und für medizinische Zwecke missbraucht, vor allem arme, kranke, behinderte, ,schwer erziehbare‘ und elternlose Kinder waren Ziel dieses Auswahlverfahrens. Die Kinder wurden ,für die Medizin‘ misshandelt und starben einen leidvollen Tod. Die sterblichen Überreste wurden fur wissenschaftliche Studien verwendet, selbst noch nach dem Krieg. Diese wurden 2002 von der Stadt Wien in einem Ehrengrab beigesetzt.
2004 ist die Osterweiterung der EU. Zu diesem Anlass treffen sich Menschen, die im Bereich Heilen tatig sind zu Begegnungen, Heilübungen und Heilkreisen nach der Sufitradition. Zuerst mit unseren polnischen Freunden in Wien und dann wieder in Polen in Krakau, Tschenstochau (Pilgerort der Schwarzen Madonna) und Warschau. Es gibt einen kurzen Besuch in Tschechien, im ehemaligen KZ Theresienstadt und nochmaligen Besuch von Lidice. Auch treffen wir uns am Sufigrab des Derwisches Gul Baba in den Rosengärten von Buda in Budapest.

2007 bin ich zur Einweihung der Friedenpagode in Delhi eingeladen. Die buddhistische Nonne Katsu Horiushi hat sich diesem Ziel gewidmet. Seine Heiligkeit der Dalai Lama weiht sie ein. Der Festakt wird von wunderbaren Kulturdarbietungen wie indischem Tanz, Musik und Gesang begleitet. Um 5 Uhr morgens treffen wir uns zum Gebet mit den buddhistischen Nonnen und Mönchen am Grab von Ven. Mahatma Gandhi. In der Morgendämmerung rezitiert ein Mann mit wunderschoner Stimme Hindugesänge als Abschluss.

2016 gestalten wir zum Gedenken an den 100. Geburtstag von Pir Vilayat wieder eine Feier für seine Schwester Noor‑un‑Nisa am Krematorium in Dachau. Wir singen auch zu seinen Ehren in der Kirche des angrenzenden Karmelklosters unter der Leitung der Dirigentin Tarana Sara Jobin die H‑Moll Messe von Bach.
copyright © Dr. Lisa Malin ‑ Alle Rechte vorbehalten.

Heilen ist mit Friedensarbeit sehr eng verknupft und zeigt sich in vielen Formen und Gestalten. Möge dieser Bericht ein Beispiel dafur sein.
Gegen Ende der 90er Jahre kommt Seine Heiligkeit der Dalai Lama nach Wien und besucht die Friedenspagode an der Donau. Das ist die wunderbare Möglichkeit, ihn zu sehen. Bei diesem Anlass lerne ich den japanisch buddhistischen Mönch Gyosei Masunaga kennen, der die Friedenspagode und den zukunftigen Tempel betreut. Dieser bittet mich um Hilfe, da er einen Tempel von ca. 450 m2 bauen muss und die Zeit bereits limitiert ist. Ich verspreche ihm zu helfen. So bin ich mit in der Bauleitung wahrend der Bauzeit von 1989 ‑ 1992.


Zur gleichen Zeit baue ich in Wien von 1989 ‑ 1990 mit Hilfe von Freund*innen eine Kiva (Ritualraum) nach dem Vorbild der Indianer der Picuris Pueblos zur Heilung von Himmel und Erde. Beautiful Painted Arrow von diesem Stamm verbindet weltweit diese Räume, wie ein Netz für den Frieden. Dieser Ort hat auch immer eine indianische Schwitzhütte fur Reinigung und Heilung. Von 1990 ‑ 2022 findet monatlich eine Schwitzhütte und eine Rituelle Körperhaltung nach Prof. Felicitas Goodman statt.

Zu Beginn des Jahres 1991 bin ich nach Japan eingeladen, um an der Gedenkfeier des Friedensmönches Ven. Nichidatsu Fuji Guruji teilzunehmen. Viele Menschen aus allen Teilen der Welt versammeln sich zu seinem 7. Todestag, dem 9. Janner 1991, um an seinem Grab und in seinem Tempel zeremoniell für den Frieden zu beten. Dieser besondere Mönch erbaute ca. 90 Friedenspagoden weltweit. Er war in Verbindung mit Ven. Mahatma Gandhi und gründete den buddhistischen Nipponzan Myohoji Orden. Ven. Mahatma Gandhi integrierte das Friedensmantra
NA MU MYO HO REN GE KYO
(Lotos Sutra auf japanisch)
in sein tägliches Gebet.
Anschließend lädt uns der Mönch aus Hiroshima zu sich in den buddhistischen Tempel ein. Wir besuchen als erstes die Friedenspagode, die von amerikanischen Soldaten gespendet wurde.


Dann ist der Besuch des Memorials von Hiroshima angesagt. Im Sarkophag sind 300.000 Namen von Todesopfern der Atombombe und Helfern verzeichnet. Bei meinem Eintreffen im Memorialpark kommt ein Journalist auf mich zugelaufen: „Was sagen Sie, vor 5 Minuten wurde begonnen, Bagdad zu bombardieren!?“. Fur mich ist es eine große Erschütterung, an so einem Ort eine solch schwere Nachricht zu bekommen. Wir, 2 Mönche, 2 Freundinnen aus Europa und ich, sitzen einen Tag an diesem Ort, das Lotos Sutra zu rezitieren und die Trommel zu schlagen. Während der Mittagspause kommen Menschen aus Fabriken und Büros, um dort schweigend mit einer Tafel in der Hand gegen den Krieg zu demonstrieren. Abends in den buddhistischen Tempel zurückgekehrt, hören wir im Fernsehen einen Piloten sprechen: „Wir haben Bagdad erleuchtet wie einen Christbaum.“ (mit Bomben)
Wieder zurück in Tokyo sitzen wir mit den buddhistischen Nonnen und Mönchen an einem öffentlichen Platz, um für den Frieden zu chanten. Am kältesten Tag gehen wir mit ihnen einen weiten Weg trommelnd durch Tokyo ‑ „cold practice“ wird es genannt.
1993 nehme ich am Retreat mit dem Sufimeister Pir Vilayat Inayat Khan in Bodhgaya teil, dem Erleuchtungsort von Buddha.
1994 bittet mich Pir Vilayat, in Dachau eine Gedenkfeier für seine Schwester zu veranstalten. Er sagt mir, dass er es gesundheitlich nicht schaffe und es zu schmerzhaft fur ihn sei, diesen Ort zu besuchen, wo seine Schwester so viel Leid erlitten hat. Noor‑un‑Nisa Inayat Khan ging in Frankreich als Funkerin in die Resistance gegen die Nazis und wurde verraten. Sie wurde zuerst in Paris gefangen genommen, und nach zwei Fluchtversuchen kam sie nach Deutschland. Ihre Haftbedingungen in Pforzheim waren unmenschlich. In das KZ‑Dachau überstellt, wurde sie gefoltert und am 13. September 1944 ermordet.


1994 beginnt der intemationale interreligiöse Friedensmarsch von Auschwitz bis Hiroshima unter der Leitung von Ven. Gyoso Sasamori des Nipponzan Myohoji Ordens anlässlich 50 Jahre Ende des 2. Weltkrieges.
Am 27. 11. 1994 beginnt der Friedensmarsch in Dachau mit der Zeremonie für Noor‑un‑Nisa und allen, die an diesem Ort gelitten haben. Es ist sogar möglich, dieses Gedenken mit Überlebenden zu begehen. Ein Kinderchor singt fur all die Kinder, Teilnehmende des Friedensmarsches und Besucher unterstützen mit Gebeten aus verschiedenen Traditionen und Ländern. Anschließend geht es nach Auschwitz.
Im Dezember 1994 haben wir, geleitet von buddhistischen Nonnen und Monchen, ein internationales interreligioses Fasten auf der Selektionsrampe in Auschwitz‑Birkenau. 6 Tage no food no water (nach 3 Tagen fasten 1 Tag Reinigung und dann wieder 3 Tage fasten, dann wieder Reinigung) und 12 Std. chanten, trommeln und interreligiöse Gebete. Das Fasten und Beten ist das, was für die Seelen geopfert wird. Zuerst ist ein Gefühl von Nicht‑atmen‑Können und unvorstellbaren Schmerzensbildern. Es wird sehr eng, auch depressive Gefühle tauchen auf. Es geht in die Tiefe. Eines ist wichtig ‑ zu bleiben, fortzusetzen und nicht aufzugeben. Wir feiem Chanukka vor dem Tor von Auschwitz mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“.

Bei Schnee und Eis ist es kalt. Jedoch das Mitleid mit sich selbst beschämt, denn diese Seelen haben unvorstellbar gelitten. Wir fragen uns immer wieder „Warum, warum...“. Gegen Ende setzt Regen ein. Wir müssen noch in den Überwachungsturm, da es so nass ist. Plötzlich kommt eine Wende. Ein so positives Erleben taucht auf, es ist ein ekstaseähnlicher Zustand. Die Sonne erhebt sich aus den Regenwolken, und das Ende ist begleitet von diesem Sonnenball mit all seinem Licht.
Anschließend gehen wir ca. 100 Personen zu Fuß von Auschwitz nach Wien, die Strecke des Todesmarsches vor 50 Jahren. Die Häftlinge von Auschwitz wurden kurz vor der Befreiung auf den Todesmarsch geschickt. Da sie völlig entkräftet waren, starben viele auf diesem Gang. Die Überlebenden kamen in das KZ‑ Mauthausen in Österreich.
Wir gehen pro Tag 30 km. Wir erfahren unsägliche Schmerzen und viele erschütternde historische Informationen. Wir erleben wunderbare Empfänge in den Dörfern Polens und Tschechiens, mit bester Weihnachtsbäckerei und diversen anderen Essen. In all den Orten erklingt Shalom von unseren jüdischen Teilnehmer*innen des Friedensmarsches. In diesen Dörfern gab es eine jüdische Bevölkerung, jedoch kein Jude lebt mehr in diesen Orten.
Ich habe einige Zeit ständig Angst, mit der Gruppe nicht mithalten zu können, verstehe die Sprache nicht und weiß den Weg nicht. Menschen erzählen von ihrer leidvollen Vergangenheit. Wir erfahren immer wieder diese Schwere, die es zu durchlaufen gilt, bis man leicht wird wie eine Feder. Entlang des Weges wird das Lotos Sutra für den Frieden und Heilung gesungen und dazu getrommelt.
Die Alliierten entschieden, dass 1946 alle Deutschen aus der Tschechoslowakei auswandern müssen. So revanchierten sich die Tschechen für die Gräueltaten der Nazis und schickten von Brünn, wo ein besonders grausames Gefängnis war, die ansässigen Deutschen auf einen Todesmarsch. Sie bekamen weder zu essen noch zu trinken. Da es Sommer und heiß war und die Menschen vom Krieg entkräftet waren, starben alle alten Leute und Kinder unter 10 Jahren.
Die Tschechen bitten uns, zu dem Kreuz zu gehen, wo 700 Deutsche begraben sind, um dort zu beten. Eine Frau aus Brünn berichtet uns, dass nach dem Krieg die ,amerikanischen Befreier‘ alle Frauen vergewaltigten.
Als wir die österreichische Grenze erreichen und die Beamten uns einfach durchwinken und niemanden kontrollieren, stehen mir die Tränen in den Augen.
Ich erkenne, dass ich für alle, die von Österreich deportiert wurden und nie mehr oder mit großen Schmerzen nach furchtbaren Erlebnissen zurückkehrten, symbolisch nach Hause gehen will.
Über Weihnachten sind wir in Poysdorf. Der Pfarrer lädt uns ein, in die Christmette zu kommen und über den Friedensmarsch zu sprechen. Am nächsten Tag sind wir wieder im Hochamt willkommen. Vertreter*innen aus vier Religionen werden aufgefordert zu beten und zu singen. Das Friedensmantra wird von den Buddhisten dargebracht. Eine Amerikanerin offeriert eine indianische Zeremonie. Die Jüdinnen singen Shalom und ein Teilnehmer aus Mexiko betet ein christliches Gebet.
Die Bewohner*innen dieses Ortes sind zu uns sehr offen. Wir treffen Maria Loley. Sie wurde geehrt für das beste Flüchtlingsprogramm in Österreich. Sie erreichte, dass jedem Flüchtling in dieser Gegend zur Unterstützung eine einheimische Person zur Seite steht. Leider wurde Maria später von einer Briefbombe verletzt, indem sie einen Finger verloren hat.

Nach 17 Tagen gehen wir bei Eis und Schnee nach Wien hinein. Als wir die Stufen der buddhistischen Friedenspagode an der Donau singend hoch gehen, fliegt ein Vogelschwann über die Pagode.
Ich gehe mit nach Kroatien. Hier begegnet uns der Bosnienkrieg. In Zagreb treffen wir uns mit Vertreter*innen von fünf Religionsgemeinschaften, jüdisch, muslimisch, christlich orthodox und katholisch. Hier nehmen wir auch Kontakt mit der Friedensbewegung auf. Wir haben eine sehr gute Begegnung mit der Gruppe ,Mothers for Peace´. Ich muss hier leider den Friedensmarsch verlassen.
Ich fahre nach Suresnes, einem Vorort von Paris, um Pir Vilayat fur drei Wochen zu unterstützen. Ich berichte dort vom Retreat in Auschwitz und vom Friedensmarsch nach Wien. Am darauffolgenden Tag kommt Pir Vilayat und sagt: „Wenn Sie in Auschwitz gefastet haben und bis Wien gegangen sind, muss ich nach Dachau gehen. Ich werde dort die H‑Moll Messe aufführen.“ So geschieht es auch. 1996 dirigiert Pir Vilayat mit Unterstützung von Ophiel Maarten van Leer in Dachau die H‑Moll Messe fur seine Schwester Noor‑un‑Nisa, für die Leidenden dieses Ortes und als Friedensinitiative. Nach dem Krieg erlebte Pir Vilayat durch wiederholtes Anhören der H‑Moll Messe von Bach Heilung von Kriegswunden, wodurch er wieder ins Leben zurückkehren konnte.
Der Friedensmarsch geht weiter nach Bosnien, Israel, Palastina, Jordanien, Iran, Indien, Malaysia, Thailand, Kambodscha, Vietnam und Philippinen.
Im August 1995 bin ich wieder in Japan mit dabei. Friedensmarsch und ein Tag fasten in Hiroshima. Dann beginnen die Feierlichkeiten zur 50‑Jahr‑Feier in Hiroshima und Nagasaki.
Ein Amerikaner bringt Wasser aus Pearl Harbour mit, vermischt es mit Wasser von Hiroshima und sagt: „Es schmerzt mich, dass mein Land sich bis heute nicht für diese beiden Atombomben entschuldigen kann.“
Wir haben die Chance, Überlebende von Hiroshima und Nagasaki kennen zu lernen. Diese Menschen erzählen, wie schwer es für sie ist, ihr Leben trotz Verstrahlung mit den schmerzhaften Zuständen und Folgeerkrankungen fortzusetzen. Amerika lässt ihnen ärztliche Hilfe zukommen, doch die Überlebenden meinen, dass dies nur geschieht, weil sie die Ergebnisse wissenschaftlich nutzen wollen. Nach dem Krieg mussten die Überlebenden die rückwärtigen Gassen der Orte benutzen. Sie erlebten Ächtung. Ihre Rolle erinnert mich an unsere Roma, Sinti und Lovara, die das KZ überlebt haben. Die Überlebenden der Atombomben erinnern sich an die Gräueltaten der Japaner in China, Korea, Mongolei, Philippinen etc. Sie wollten etwas tun. So sind sie an Orte gefahren, wo Schlimmes geschehen ist und haben Bäume gepflanzt, als Ausgleich für dieses Unrecht. Ich treffe buddhistische Mönche, die erzählen, dass sie im Krieg so viel Schreckliches gesehen haben, dass sie nicht mehr nach Hause zuruckkehren konnten. Sie sind Mönche fur den Frieden geworden. Ein christlicher Mönch berichtet, dass er im Kambodschakrieg einen Lungenflügel verloren hat und ebenfalls wegen seiner Kriegserlebnisse Mönch wurde. Er ging als Japaner nach Nanking, mit Vermittlung durch das Rote Kreuz. Sein Wunsch war, Überlebende des Massakers der Japaner zu treffen und um persönliche Behandlung zu bitten. Bei seiner Ankunft, wurde er von zwei Überlebenden abgeholt. Er warf sich weinend vor ihnen auf den Boden und rief sie um Verzeihung an. Sie baten ihn aufzustehen und sich vor ihrer Begegnung einer Akupunkturbehandlung für seine Gesundheit zu unterziehen. Dieser japanisch‑ christliche Mönch nahm auch am Fasten in Auschwitz teil.
In Japan haben wir noch die Möglichkeit, einen alten Shinto‑Priester kennen zu lernen. Er führt uns an einen Ort des Heilens, eine wunderschöne Naturlandschaft mit Wasserläufen. Dann sind wir zu Gast in seinem traditionellen Tempel. Er spricht darüber, wie wichtig es ist, Orte zu besuchen, wo Schlimmes geschehen ist, und die Seelen, die an diesen Ort gebunden sind, zu befreien ‑ to release the spirits. Es besteht die Gefahr, dass an solchen Orten Gleiches wieder passiert. Er berichtet, dass er an so einem Ort ein Glas Wasser offerierte. An der Bewegung des Wassers sah er, dass das Geschenk angenommen wurde. Es gab Resonanz.
Jahre später, als ich in Wolgograd das ehemalige Schlachtfeld von Stalingrad besuche und gesagt wird, dass es bereits das Schlachtfeld von Napoleon war, fällt mir sofort die Äußerung dieses Shinto‑Priesters ein.
Beeindruckt von den Erfahrungen in Japan wird mir klar, wie wichtig diese Arbeit auch in Europa ist, vor allem nach dem 2. Weltkrieg. So will ich diese interreligiöse internationale Heilarbeit an Orten der Nazigräuel fortsetzen.
Kurzfristig werde ich in Japan gebeten, an einer Vortragsreise in verschiedene Orte mit dem Thema Auschwitz und Bosnien teilzunehmen. Da ich von Polen Hilfslieferungen von Kartoffeln und Kraut nach Bosnien ins Kriegsgebiet organisierte und am Fasten in Auschwitz teilnahm, fällt die Wahl auf mich. Es sind wunderbare Begegnungen. Es ist eine besondere Ehre, dass Ven. Maha Ghosananda aus Kambodscha mit uns reist. Er wird als Gandhi von Kambodscha angesehen. Er leitet den Friedensmarsch durch ganz Kambodscha.
In Hiroshima sind wir dankbar, in einer Turnhalle am Boden übernachten zu können, im August ohne Klimaanlage. Auf dieser Vortragsreise dürfen wir an der Westküste Japans in einem Appartementhaus des Kaisers zwei Nächte verbringen. So gibt es immer wieder Überraschungen.
Noch im Jahr 1995 fasten wir im ehemaligen Frauen‑KZ Ravensbrück ebenso fünf Tage trocken (zwei Tage fasten, Reinigung und zwei Tage fasten, Reinigung), begleitet von interreligiösen Gebeten. Frauen aus neun Nationen, aus verschiedenen religiösen Traditionen und der Friedensbewegung nehmen daran teil.
Die Frauen und Mädchen dieses KZs mussten Zwangsarbeit leisten. An vielen wurden die Sterilisation medizinisch erforscht. Es war ein grausamer Tod oder ein schmerzhaftes Überleben. Ebenso wurden Frauen für die Prostitution ins KZ Dachau gewonnen, mit dem Versprechen, frei zu kommen. Dies stellte sich als Lüge heraus.


Wir empfangen Ceija Stojka, eine Romni, die als Kind diesen Ort überlebte, am 5. Tag mit einem Strauß roter Rosen. Wir begleiten sie an den Schwettsee, in dem sich die Asche ihrer Freundin und ihrer Verwandten befindet. Sie streut die Blütenblätter einzeln ins Wasser und ruft auf Romanes über den See. Ein Wind fährt über den See und kräuselt das Wasser. Auf ihren Wunsch schlafen wir nachts in ihrem Raum, sie träumt von den Verstorbenen, dass es ihnen gut geht, und sie sagen ihr „Kommt wieder“. Zum Abschluss haben wir eine Zeremonie vor dem Krematorium, dem Erschießungsgang und dem Gefängnis. Ceija bittet um zwei Kerzen, zündet diese an für ihre zwei größten Peinigerinnen und vergibt ihnen, sie beginnt zu tanzen...
1996 gehen wir den Friedensmarsch im Westjordanland von Jenin nach Hebron. Wiederum ist unser Gang begleitet vom Friedensmantra, interreligiösen Gebeten und Trommeln. Die Geschichte ist sehr dicht, das Leid sehr groß, die Landschaft wunderschön. Zur Wahl von Arafat sitzen wir einen Tag fastend und betend im Zentrum von Hebron.
1996 geht es in das ehemalige KZ Bergen‑Belsen. Wieder fasten wir fünf Tage und schließen mit einer Feier. Erneut kommt Ceija am letzten Tag nach Bergen‑ Belsen und beendet unser Fasten. Sie berichtet von ihren Erlebnissen als Kind in diesem KZ. Es ist das dritte KZ, das sie überlebt hat. Als Kind musste sie mit anderen Leichen schleppen. Es stank derart, dass keine Vögel über dieses Gebiet mehr flogen. Es waren so viele aufgetürmte Leichen, dass Ceija nicht mehr in die Weite sehen konnte. Es gab keine Versorgung mehr. Die Mama hat ihr einen Saft von einem Baum und dessen Blatter gezeigt, die sie essen soll. Das hat ihr das Leben gerettet.
Dort wurden sie von den Alliierten befreit. Plötzlich stand ein Panzer vor ihnen, und sie waren frei. Die amerikanischen Soldaten kochten in großen Gefahren Essen ‑ ,Gulasch‘ ‑ und gaben ihnen zu essen. Laut Ceija erblindeten sie für einen Tag, da sie lange Zeit keine Nahrung zu sich genommen hatten. Die Mutter lief mit ihr zu Fuß durch ganz Deutschland nach Wien und suchte nach ihren Kindern.

Ceija begann ca. 40 Jahre nach ihrer Befreiung zu malen. (Stojka, Ceija: Bilder und Texte 1989 ‑ 1995, KZ und die Mutter Gottes, die himmlische Führerin der Rom).

1997 geht es nach Lidice (Tschechien). Wir fasten wieder fünf Tage, begleitet von Gebeten und Trommeln. Wir haben die Chance, überlebende Frauen zu sprechen.
1942 wurden alle Männer dieses Ortes erschossen, die Frauen kamen ins KZ‑ Ravensbrück. Blonde Kinder wurden germanisiert, alle anderen Kinder in einem Wagen vergast. Das Dorf wurde mit dem entwendeten Geld der Bevölkerung dem Erdboden gleich gemacht. Es war eine Rache für das Attentat an Reichsratsprotektor Heydrich, dem Vertreter von Hitler. Das Dorf war unschuldig.
Niemand erzählte den Frauen, was den Männern und Kindern geschehen war.
Die Frauen, die das KZ überlebten, gingen heim. Als sie in die Nähe kamen, sahen sie keinen Kirchturm. Erst da erfuhren sie die Wahrheit. Diese Frauen errichteten neben dem alten zerstörten Dorf ein neues, und sie suchten nach ihren Kindern. Die Bildhauerin Marie Uchytilova gestaltet alle 82 Kinder und brachte diese zum Gedenken in einer Bronzestatue zusammen.

1998 fahren wir mit dem Zug nach Wolgograd, ehemaliges Stalingrad. Dort angekommen, führt uns die wunderbare Dolmetscherin Helena durch den Ort und deren Geschichte. Die Deutsche Wehrmacht war eingekesselt. Sie hätte an einer Stelle ausbrechen können, doch Hitler verhinderte dies. Er wollte nicht, dass Soldaten heimkommen und erzählen, dass sie nicht gesiegt haben und von dem Elend berichten. Das war ein Wendepunkt. Bereits 1943 zeigte sich die Niederlage, auch wenn der Krieg noch zwei Jahre bis zum endgültigen Ende dauerte. So starben 300.000 Soldaten der Deutschen Wehrmacht in Stalingrad, viele erfroren in diesem kalten Winter.
Immer wer den Mamai‑Hügel eingenommen hat, war Sieger. Letzten Endes siegten die Russen, jedoch zu einem hohen Preis. Zwei Millionen Russen starben in diesem Kampf. Die russischen Soldaten wurden vom Ostufer zum Westufer der Wolga per Schiff gebracht. Sie mussten nach vorne gegen die Deutschen gehen, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Munition. Beim Zurückgehen wurden sie von den eigenen Soldaten erschossen. Sie wurden wie ein Menschenteppich benutzt. Die ganze Stadt war zerstört. Nach dem Krieg besiedelten Frauen wieder diese Stadt. Sie wohnten in Höhlen.
1996 wurde die riesige Figur, die RUSSIA, auf den Mamai‑Hügel installiert.

Neben der katholischen Kirche fasten wir wieder fünf Tage, zehn Stunden durchgehend begleitet von interreligiösen Gebeten, Gesängen und Trommeln fiir alle dort Verwundeten und Verstorbenen und deren Familienangehörigen und fiir den Frieden.
Zusatzlich lesen wir aus dem Buch „Letzte Briefe aus Stalingrad“ (C. Bertelsmann, Gutersloh, 1954). Diese Briefe wurden den Angehörigen nicht mehr zugestellt. Sie wurden mit der letzten Maschine noch herausgeflogen. Wir können immer nur ein paar Briefe lesen, denn nach kurzer Zeit stehen uns die Tränen in den Augen. Die Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod, die Liebsten nicht mehr wiederzusehen, die Vorstellung, unter welchen Problemen wohl die Angehörigen zu kämpfen haben, Reflexionen über das Wesentliche im Leben, die Schmerzen, Hunger, Kälte, die Entstellung der Verwundeten, der Verlust von so vielem und die Frage nach dem Sinn dieses Leidens und bei vielen das Wissen darum, für einen sinnlosen Zweck missbraucht worden zu sein ‑ das sind wiederkehrende Themen.
Eine Freundin zeichnete auf, welche rituellen Körperhaltungen zwischen Willendorf (Österreich) und Wolgograd gefunden wurden. Wir gehen täglich in das Erleben einer solchen Haltung. Dieses schamanische Arbeiten wurde initiiert von Prof. Felicitas Goodman. Körperhaltungen haben einen Einfluss auf das Bewusstsein und somit auf das Erleben. Ein Beispiel, die Venus von Hluboke, gefunden in Mahren (Tschechien). Sie ist ca. 4700 v. d. Z. alt, 36 cm groß und aus Ton. Sie befindet sich im Museum in Brunn. (Abgerufen am 18. 2. 2023).

Das Fasten regt persönliche Prozesse an, so wie die Auseinandersetzung mit dem Geschehen dieses Ortes. Große Freude ist bei uns am Ende des Fastens in Wolgograd. Da Pfingsten ist, fahren wir mit unserer geliebten Dolmetscherin Helena am nächsten Tag zur Russisch‑Orthodoxen Kirche. Diese Pfingstfeierlichkeiten mit den Gesängen von Chor und Priester, den vielen Blumen, die den Boden bedecken, die vielen Kerzen vor den Bildern der Mutter Gottes, dem Weihrauch, all den feierlichen Menschen und der guten Atmosphäre, berühren uns. Dann geht es nach Beschanka, wo wir zuerst am österreichischen Mahnmal und dann am russischen eine Zeremonie haben. Weiter fahren wir nach Rossoschka, wo von Deutschland ein Friedhof errichtet wurde. Dort werden die Toten begraben, teilweise umgebettet und zeremoniell beigesetzt. Hier bringen wir ebenso Gebete für den Frieden dar.
Wir nehmen Abschied von Wolgograd, auch von unserem Hotel, das direkt an der Wolga liegt und von dem aus wir jeden Morgen über dem Wasser den Sonnenaufgang betrachten konnten.
Einen Dank an alle, die diese Reise unterstützt haben, besonders an das Schwarze Kreuz.
Auf der Rückreise kommen wir nach Moskau und freuen uns, die Stadt zu besichtigen. Beeindruckend für uns ist ein Abend, zu dem uns die Quäker einladen. Ein Orientalist erzählt uns von seiner Teilnahme an einem Friedensmarsch durch Tschetschenien während des Krieges. Dort lernen wir auch Russische Soldatenmütter kennen. Sie berichten von ihren Tätigkeiten, die sie selbst finanzieren müssen, weil sie keine Unterstützung erhalten.
Da es zum russischen Militärdienst keine Alternative gibt, und jedes Jahr allein 6.000 Soldaten (1998) durch ,Behandlung sprich Folter‘ im Militardienst sterben und viele vermisst werden, widmen sich die Soldatenmütter neben ihrer eigenen Arbeit diesen Soldaten und deren Müttern. Sie helfen den Müttern, ihre Söhne wieder zu finden. Sie kämpfen um eine Veränderung der militärischen Struktur. Sie helfen Deserteuren, die nur versteckt leben können, auch wenn sie zum eigenen Schutz vor tödlichen Gewalttaten davongerannt sind, zu einem gerichtlichen Verfahren, um wieder in ein ziviles Leben eintreten zu können. Sie fordern, in Kriegen die Soldaten auf beiden Seiten zu begraben z. B. in der Vergangenheit im Tschetschenienkrieg. 1989 konnten mit Unterstützung der Russischen Soldatenmütter 176.000 Studenten, die nach dem ersten Studienjahr zum Militär einberufen wurden, in die Universität zuruckkehren, um ihr Studium fortzusetzen. Die Soldatenmütter haben viele weitere Aufgabenbereiche. 1998 erreichten sie eine Amnestie für all diejenigen, die die Armee der Einberufenen verlassen haben. 1996 bekamen die Russischen Soldatenmütter den alternativen Nobelpreis verliehen.
Eine Mutter aus Tschetschenien erzählt uns von einem langsamen Sterben in ihrem Land. So viele Waisenkinder, die Heime zerstört, keine Arbeit, keine Produktionen mehr, die Hauser zerbombt, die Blicke der Kinder vom Krieg zerstört, die Psyche vieler Menschen zerrüttet. Wegen der Entführungen gab es keine Hilfe von außen. Diese Mutter ging in die Wälder und suchte Kinder, die dorthin geflüchtet waren, um sich dort zu verstecken. Sie versuchte, sie in Familien in Moskau oder Umgebung unterzubringen. Wochen später, als ich ihr eine Unterstützung für ihr Projekt schickte, rief sie mich kurz an, bedankte sich und teilte mir mit, dass sie am Leben sei. Ihre Arbeit wird einige Male mit einem Preis beehrt.
2000 findet das letzte fünftägige rituelle Fasten und Beten mit Gesängen in Wien statt, im Otto‑Wagner‑Spital am Spiegelgrund neben dem Todespavillon der Kinder. Wir laden verschiedene Religionsvertreter*innen und die Friedensbewegung von Wien ein. Diese kommen und bringen Gebete und Gesänge für die Opfer dar.
Kinder wurden während der Nazizeit verfolgt, stigmatisiert und für medizinische Zwecke missbraucht, vor allem arme, kranke, behinderte, ,schwer erziehbare‘ und elternlose Kinder waren Ziel dieses Auswahlverfahrens. Die Kinder wurden ,für die Medizin‘ misshandelt und starben einen leidvollen Tod. Die sterblichen Überreste wurden fur wissenschaftliche Studien verwendet, selbst noch nach dem Krieg. Diese wurden 2002 von der Stadt Wien in einem Ehrengrab beigesetzt.
2004 ist die Osterweiterung der EU. Zu diesem Anlass treffen sich Menschen, die im Bereich Heilen tatig sind zu Begegnungen, Heilübungen und Heilkreisen nach der Sufitradition. Zuerst mit unseren polnischen Freunden in Wien und dann wieder in Polen in Krakau, Tschenstochau (Pilgerort der Schwarzen Madonna) und Warschau. Es gibt einen kurzen Besuch in Tschechien, im ehemaligen KZ Theresienstadt und nochmaligen Besuch von Lidice. Auch treffen wir uns am Sufigrab des Derwisches Gul Baba in den Rosengärten von Buda in Budapest.

2007 bin ich zur Einweihung der Friedenpagode in Delhi eingeladen. Die buddhistische Nonne Katsu Horiushi hat sich diesem Ziel gewidmet. Seine Heiligkeit der Dalai Lama weiht sie ein. Der Festakt wird von wunderbaren Kulturdarbietungen wie indischem Tanz, Musik und Gesang begleitet. Um 5 Uhr morgens treffen wir uns zum Gebet mit den buddhistischen Nonnen und Mönchen am Grab von Ven. Mahatma Gandhi. In der Morgendämmerung rezitiert ein Mann mit wunderschoner Stimme Hindugesänge als Abschluss.

2016 gestalten wir zum Gedenken an den 100. Geburtstag von Pir Vilayat wieder eine Feier für seine Schwester Noor‑un‑Nisa am Krematorium in Dachau. Wir singen auch zu seinen Ehren in der Kirche des angrenzenden Karmelklosters unter der Leitung der Dirigentin Tarana Sara Jobin die H‑Moll Messe von Bach.
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