Sufi-Heilung
Die ganze Kraft (des Heilens) liegt im Geist, jede:r hat die Kraft in dem Maße, wie er / sie dem Geist nahe ist. Aber jede:r kann einen Funken dieses Geistes in sich selbst aufspüren, und jede:r muss wissen, dass die Heiler:in die Verantwortung für die eigene Gesundheit hat, und dass jeder Mensch eine Rolle in seinem eigenen Leben zu spielen hat, die nicht die Verantwortung eines Arztes oder eines Heilers ist.
Source
Hazrat Inayat Khan ‑ Volume IV ‑ Mental Purification and Healing,
Part I: Health. IX, (Centennial Edition, p.48)
Die Bedeutung von Heilung im Sufi‑Verständnis ist tief in der Idee des Glaubens, der Überzeugung und des Vertrauens verankert. Nach dem Glauben der Sufis ist alles Leben ein miteinander verbundenes, unbestreitbar einzigartiges Netz der Ganzheit. Ganzheitlichkeit ist in das Sufi‑Konzept der Heilung eingewoben. Geheilt zu werden bedeutet, ganz zu werden. Wenn ein Individuum seine harmonische Wiedereingliederung im Rahmen des Zugangs zur Ganzheit seines Wesens annimmt, ist es geheilt!
Spirituelles Heilen beinhaltet die Umwandlung aller inneren Dimensionen des Leidens. Indem wir unsere verborgenen, unbewussten und falschen Überzeugungen, emotionales Leiden, Traumata, Ängste und Verdrängungen heilen, können wir die Ursache von Krankheiten heilen. Spirituelle Heilung ist nicht die Behandlung der Symptome, sondern die Beseitigung der Ursache, die ein symptomatisches Unwohlsein verursacht. Die Beseitigung der Krankheitsursache ist nicht als chirurgischer Eingriff zu betrachten, der das Faule zerschneidet und wegwirft; vielmehr geht es darum, das Licht dorthin zu bringen, wo die Dunkelheit die Ausbreitung der Bakterien begonnen hatte. Sufi‑Heilung ist daher ein selbstgenerativer Prozess der Reinigung, Klärung und Neuausrichtung, der dem Wiederherstellungskurs des Organismus zugute kommt.
Die Erfüllung des Seins liegt darin, jeder Dimension des menschlichen Wesens einen angemessenen und gesunden Ausdruck zu ermöglichen. Die Unterdrückung von Teilen unseres Seins und die bewusste Vernachlässigung derselben führt zu einer wachsenden Angst in unserem energetischen Raum, die sich als Unwohlsein im physischen Körper zu manifestieren beginnt. Sufis glauben, dass Krankheit zuletzt als physisches Symptom auftritt; ihr Beginn liegt viel früher in Bereichen unseres eigenen Bewusstseins.
Traditionell wird ein:e Sufi‑Heiler:in als Hakim bezeichnet, ein Titel, der vom göttlichen Namen al‑Hakim selbst abgeleitet ist, und der der / die “Weise” bedeutet, SEINE / IHRE göttlich‑allwissende, allumfassende und allbeherrschende Natur der Weisheit. Der Name Hakim stammt von der Wurzel H‑K‑M, was soviel wie Bewertung durch fundiertes Wissen, bzw. Leitung bedeutet. Die Weisheit von al‑Hakim ist eng mit Seiner Fähigkeit verbunden, fundierte Urteile zu fällen und geschickt zu regieren. Spirituelle Wesen haben den Körper als ein Reich betrachtet, das der Herrschaft des Geistes anvertraut ist. Wenn der Körper von einem spirituellen Bewusstsein regiert wird, das jedem Organ und jeder Fähigkeit die gebührende Aufmerksamkeit schenkt und im Gegenzug von jedem Bewohner des Reiches eine kooperative und effektive Antwort verlangt, um sein reibungsloses Funktionieren sicherzustellen, dann sind Gesundheit und Harmonie des Seins gewährleistet. Das Geheimnis der Gesundheit liegt allein in uns selbst verborgen. Wenn sich alle Teile des Selbst in einem ausgewogenen energetischen Austausch befinden, beginnt das heilende und lebensspendende Wasser in unserer spirituellen Wirklichkeit reichlich zu fließen, um die krankheitserzeugenden Bakterien wegzuspülen.
Heilen im spirituellen Sinne bedeutet, die Alchemie in unserer Seele zu aktivieren, um die innere Heilkraft zur Überwindung chemischer und biologischer Fehlentwicklung freizusetzen.
Obwohl es viele Merkmale gibt, die zur Wissenschaft der Sufi‑Heilung gehören, möchte ich mich hier damit begnügen, die drei grundlegenden Elemente zu erwähnen, die für die Praxis der spirituellen Heilung unerlässlich sind. Diese sind nämlich: Das Wissen um die eine Wirklichkeit, die allein existiert; unser unerschütterlicher Glaube an diese Wirklichkeit; und schließlich unsere Erkenntnis, dass wir die Kanäle sind, durch die diese Wirklichkeit wirkt.
Sufi‑Meister:innen haben oft von dem Prinzip gesprochen, den Tod durch den Tod selbst zu überwinden: Mutu Qabla Anta Mutu / Stirb, bevor du stirbst. In der Naturmedizin kennen wir die Praxis, Gift einzusetzen, um die Wirkung des Giftes selbst zu bekämpfen. Die Psychologie dieses Prinzips besteht darin, etwas, das in uns Angst auslöst, unschädlich zu machen, indem man es sich bewusst macht. Zu sterben, bevor Du stirbst, bedeutet, Deine Sterblichkeit als ein natürliches Ereignis zu begreifen, das jeden Augenblick stattfindet und trotz dessen wir leben. Die zelluläre Regeneration des Körpers ist ein Zeugnis für den ständigen Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Durch den ständigen Abbau und die Erneuerung der Zellen in unserem Körper sterben wir ständig und werden in jedem Augenblick neu geboren. Im Tod liegt das Leben verborgen, und im Leben liegt der Schatten des Todes. Der Konflikt zwischen Leben und Tod, der darin besteht, dass wir das eine ablehnen, um das andere zu akzeptieren, führt zu einer anhaltenden Bedrängnis auf unserer unterbewussten Ebene. Um diese Bedrängnis zu bekämpfen, wird der Körper hochgefahren und ein Überlebensimpuls verfolgt, ohne die dringend benötigte Entspannung in die ewige Gegenwärtigkeit an der Schwelle des Gewahrseins von Sein und Nichtsein zuzulassen.
Die Sufis sind darin geschult, sich fortwährend an die Führung durch die allgegenwärtigen Zeichen der universellen Intelligenz anzubinden. In unserer Atmung selbst können wir das Geheimnis dieses heilenden Mediums finden; das Ein‑ und Ausatmen würde das Leben nicht unterstützen, wenn es nicht eine kurze Pause zwischen den beiden Atemzügen gäbe. Die Pause zwischen den Atemzügen ist der Ursprung und die Rückkehr des Atems. Um uns selbst wiederzubeleben, müssen wir uns aus dem engen Griff unserer bewussten Bewegungen lösen, um in einen Fluss der Hingabe an den überbewussten Grund des Seins loszulassen. Um aus dem Konflikt von Leben und Tod befreit zu werden, rufen wir die Macht des / der Einen an, der / die ewig lebt, unsterblich, unveränderlich und selbstbestehend ist. Dies ist unsere einzig wahre Zuflucht zur Heilung. Die göttliche Wirklichkeit, die die Quelle allen Lebens und die Schöpferin jedes Wesens ist, kann in unserem eigenen spirituellen Bewusstsein angerufen werden, in dem der Schlüssel zu unserer gesamten Heilkraft liegt.
Spirituell gesprochen geht es beim Heilen darum, sich mit der universellen Kraft der Wiederbelebung zu verbinden. Dieser Anschluss an die Kraft hängt von unserem Glauben, unserer Überzeugung und unserem Vertrauen an die Realität dessen ab, was wir als Quelle der Heilung und des Lebens betrachten. Wenn wir den Glauben an die Heilung nicht in uns tragen, können wir nicht wirklich genesen, egal was wir tun. Heilung ist weniger eine äußere Kraft, die von außen auf uns einwirkt, wie wir es uns vielleicht vorstellen, als vielmehr ein inneres Maß an spiritueller Befreiung, das eine Veränderung in unserem chemischen Aufbau bewirkt.
Es ist der göttliche Wille, der die Kraft bereitet, die alle atomaren Teilchen zusammenhält, um einen bestimmten Lebensausdruck zu gewährleisten. Wenn dieser Wille zurückgezogen wird, löst sich der Körper auf. In der Erschaffung und Zerstörung des Körpers findet ein ständiges Spiel von Aktivität und Empfänglichkeit statt, das die Aufrechterhaltung der Lebens ermöglicht. Der göttliche Wille ist eng mit der menschlichen Motivation und Absicht verknüpft. Im Koran sagt Gott: "Wir ändern den Zustand einer Gruppe von Menschen nicht, bis sie das ändert, was in ihr ist" (Q, 13:11).
Die menschliche Intention zu heilen ist die Grundlage der geistigen Heilung. Die Heiler:in möge die richtige Qualität und Intensität in ihrer Absicht halten, und dies gilt genauso für die Absicht derjenigen oder desjenigen, der Heilung sucht. Der Wille ist die Kraft, die auf die Seele einwirkt und sie auf die freigesetzte Intention reagieren lässt. Mit anderen Worten: Es wäre keine Übertreibung zu sagen, dass wir uns selbst mittels unseres Willens zur Gesundheit zurückholen, und auf die gleiche Weise führt uns unser Wille selbst zur Krankheit. Es kommt darauf an, wohin unser Wille und unsere Intention gehen. Wenn der Lebenswille in uns durch Verzweiflung, Pessimismus oder mangelnden Glauben und Vertrauen geschwächt wird, wird sich die Lebenskraft verflüchtigen und schließlich zum Tod führen. Das soll nicht heißen, dass wir mit einem starken Lebenswillen ewig weiterleben können; gleichwohl kann eine solche Einstellung und Mentalität ein langes Leben gewährleisten, solange dies in einem bestimmten Lebensorganismus möglich ist.
Das dritte Merkmal der Sufi‑Heilung, auf das ich abschließend eingehen möchte, ist die Kanalisierung der Heilkraft in und durch unser Wesen. Der Wille und das Mitgefühl Gottes sowie die Macht und die Liebe Gottes sind die beiden göttlichen Kräfte, die engelhafte Formen annehmen, um der Heiler:in die Fähigkeit zu vermitteln, Heilung zu bewirken. Holz ist ein guter Wärmeleiter. In ähnlicher Weise sind Engelskräfte, die ihren Ursprung und ihr Wesen im himmlischen göttlichen Licht haben, effiziente Übermittler von Lichtfrequenzen an die menschlichen Seelen, die offen und förderlich dafür sind, von uns empfangen zu werden. Unsere seelische Wirklichkeit ist Licht, und wenn wir sie in uns bewusst machen können, kommt es zu einer machtvollen Anziehung für die Übertragung höherer Lichtfrequenzen, die im positiven Feld der göttlichen Liebe, Harmonie und Schönheit wirken.
Gabriel wird im Bewusstsein der Heiler:in als göttlicher Wille und Macht gegenwärtig. Michael taucht als göttliche Liebe und Mitgefühl auf. Die beiden öffnen den spirituellen Kreislauf zwischen unseren bewussten und überbewussten Seins‑Stufen und machen uns zum Ort für das Erscheinen von Raphael, der dritten Engelskraft. Diese ist damit beauftragt, göttliches Mitgefühl und göttliche Macht zu integrieren, um eine wohlwollende Heilung zu bewirken. Der Atem des Allbarmherzigen, al‑Nafas ar‑Rahman, ist der Kanal für alle heilende Gnade. Der göttliche Atem des Mitgefühls bringt der Sufi‑Heiler:in die Inspiration, die das Einwirken des göttlichen Magnetismus ist, der dann auf dem Atemstrom der Heiler:in reist, um denjenigen zu erreichen, der eine Heilung sucht.
Zusammenfassend können wir sagen, dass Sufi‑Heilung auf der festen Prämisse des Glaubens an eine höchste Heilkraft ‑ das göttliche Wesen ‑ basiert. Diese Heilkraft ist ein aktiver Strom, auf dem der magnetisierte Atem der Heiler:in reitet und sich als Zungen engelsgleicher Flammen höheren Bewusstseins manifestiert ‑ eine Heilkraft, die aus dem Blick, dem Atem und der Berührung der Heiler:in hervor geht, um die subatomare Störung in der Harmonie des Seelenlebens der Patient:innen spirituell zu verändern.
Amat‑un‑Nur Hayat
Übersetzung: Khair‑un‑Nisa Veigt
Die ganze Kraft (des Heilens) liegt im Geist, jede:r hat die Kraft in dem Maße, wie er / sie dem Geist nahe ist. Aber jede:r kann einen Funken dieses Geistes in sich selbst aufspüren, und jede:r muss wissen, dass die Heiler:in die Verantwortung für die eigene Gesundheit hat, und dass jeder Mensch eine Rolle in seinem eigenen Leben zu spielen hat, die nicht die Verantwortung eines Arztes oder eines Heilers ist.
Source
Hazrat Inayat Khan ‑ Volume IV ‑ Mental Purification and Healing,
Part I: Health. IX, (Centennial Edition, p.48)
Die Bedeutung von Heilung im Sufi‑Verständnis ist tief in der Idee des Glaubens, der Überzeugung und des Vertrauens verankert. Nach dem Glauben der Sufis ist alles Leben ein miteinander verbundenes, unbestreitbar einzigartiges Netz der Ganzheit. Ganzheitlichkeit ist in das Sufi‑Konzept der Heilung eingewoben. Geheilt zu werden bedeutet, ganz zu werden. Wenn ein Individuum seine harmonische Wiedereingliederung im Rahmen des Zugangs zur Ganzheit seines Wesens annimmt, ist es geheilt!
Spirituelles Heilen beinhaltet die Umwandlung aller inneren Dimensionen des Leidens. Indem wir unsere verborgenen, unbewussten und falschen Überzeugungen, emotionales Leiden, Traumata, Ängste und Verdrängungen heilen, können wir die Ursache von Krankheiten heilen. Spirituelle Heilung ist nicht die Behandlung der Symptome, sondern die Beseitigung der Ursache, die ein symptomatisches Unwohlsein verursacht. Die Beseitigung der Krankheitsursache ist nicht als chirurgischer Eingriff zu betrachten, der das Faule zerschneidet und wegwirft; vielmehr geht es darum, das Licht dorthin zu bringen, wo die Dunkelheit die Ausbreitung der Bakterien begonnen hatte. Sufi‑Heilung ist daher ein selbstgenerativer Prozess der Reinigung, Klärung und Neuausrichtung, der dem Wiederherstellungskurs des Organismus zugute kommt.
Die Erfüllung des Seins liegt darin, jeder Dimension des menschlichen Wesens einen angemessenen und gesunden Ausdruck zu ermöglichen. Die Unterdrückung von Teilen unseres Seins und die bewusste Vernachlässigung derselben führt zu einer wachsenden Angst in unserem energetischen Raum, die sich als Unwohlsein im physischen Körper zu manifestieren beginnt. Sufis glauben, dass Krankheit zuletzt als physisches Symptom auftritt; ihr Beginn liegt viel früher in Bereichen unseres eigenen Bewusstseins.
Traditionell wird ein:e Sufi‑Heiler:in als Hakim bezeichnet, ein Titel, der vom göttlichen Namen al‑Hakim selbst abgeleitet ist, und der der / die “Weise” bedeutet, SEINE / IHRE göttlich‑allwissende, allumfassende und allbeherrschende Natur der Weisheit. Der Name Hakim stammt von der Wurzel H‑K‑M, was soviel wie Bewertung durch fundiertes Wissen, bzw. Leitung bedeutet. Die Weisheit von al‑Hakim ist eng mit Seiner Fähigkeit verbunden, fundierte Urteile zu fällen und geschickt zu regieren. Spirituelle Wesen haben den Körper als ein Reich betrachtet, das der Herrschaft des Geistes anvertraut ist. Wenn der Körper von einem spirituellen Bewusstsein regiert wird, das jedem Organ und jeder Fähigkeit die gebührende Aufmerksamkeit schenkt und im Gegenzug von jedem Bewohner des Reiches eine kooperative und effektive Antwort verlangt, um sein reibungsloses Funktionieren sicherzustellen, dann sind Gesundheit und Harmonie des Seins gewährleistet. Das Geheimnis der Gesundheit liegt allein in uns selbst verborgen. Wenn sich alle Teile des Selbst in einem ausgewogenen energetischen Austausch befinden, beginnt das heilende und lebensspendende Wasser in unserer spirituellen Wirklichkeit reichlich zu fließen, um die krankheitserzeugenden Bakterien wegzuspülen.
Heilen im spirituellen Sinne bedeutet, die Alchemie in unserer Seele zu aktivieren, um die innere Heilkraft zur Überwindung chemischer und biologischer Fehlentwicklung freizusetzen.
Obwohl es viele Merkmale gibt, die zur Wissenschaft der Sufi‑Heilung gehören, möchte ich mich hier damit begnügen, die drei grundlegenden Elemente zu erwähnen, die für die Praxis der spirituellen Heilung unerlässlich sind. Diese sind nämlich: Das Wissen um die eine Wirklichkeit, die allein existiert; unser unerschütterlicher Glaube an diese Wirklichkeit; und schließlich unsere Erkenntnis, dass wir die Kanäle sind, durch die diese Wirklichkeit wirkt.
Sufi‑Meister:innen haben oft von dem Prinzip gesprochen, den Tod durch den Tod selbst zu überwinden: Mutu Qabla Anta Mutu / Stirb, bevor du stirbst. In der Naturmedizin kennen wir die Praxis, Gift einzusetzen, um die Wirkung des Giftes selbst zu bekämpfen. Die Psychologie dieses Prinzips besteht darin, etwas, das in uns Angst auslöst, unschädlich zu machen, indem man es sich bewusst macht. Zu sterben, bevor Du stirbst, bedeutet, Deine Sterblichkeit als ein natürliches Ereignis zu begreifen, das jeden Augenblick stattfindet und trotz dessen wir leben. Die zelluläre Regeneration des Körpers ist ein Zeugnis für den ständigen Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Durch den ständigen Abbau und die Erneuerung der Zellen in unserem Körper sterben wir ständig und werden in jedem Augenblick neu geboren. Im Tod liegt das Leben verborgen, und im Leben liegt der Schatten des Todes. Der Konflikt zwischen Leben und Tod, der darin besteht, dass wir das eine ablehnen, um das andere zu akzeptieren, führt zu einer anhaltenden Bedrängnis auf unserer unterbewussten Ebene. Um diese Bedrängnis zu bekämpfen, wird der Körper hochgefahren und ein Überlebensimpuls verfolgt, ohne die dringend benötigte Entspannung in die ewige Gegenwärtigkeit an der Schwelle des Gewahrseins von Sein und Nichtsein zuzulassen.
Die Sufis sind darin geschult, sich fortwährend an die Führung durch die allgegenwärtigen Zeichen der universellen Intelligenz anzubinden. In unserer Atmung selbst können wir das Geheimnis dieses heilenden Mediums finden; das Ein‑ und Ausatmen würde das Leben nicht unterstützen, wenn es nicht eine kurze Pause zwischen den beiden Atemzügen gäbe. Die Pause zwischen den Atemzügen ist der Ursprung und die Rückkehr des Atems. Um uns selbst wiederzubeleben, müssen wir uns aus dem engen Griff unserer bewussten Bewegungen lösen, um in einen Fluss der Hingabe an den überbewussten Grund des Seins loszulassen. Um aus dem Konflikt von Leben und Tod befreit zu werden, rufen wir die Macht des / der Einen an, der / die ewig lebt, unsterblich, unveränderlich und selbstbestehend ist. Dies ist unsere einzig wahre Zuflucht zur Heilung. Die göttliche Wirklichkeit, die die Quelle allen Lebens und die Schöpferin jedes Wesens ist, kann in unserem eigenen spirituellen Bewusstsein angerufen werden, in dem der Schlüssel zu unserer gesamten Heilkraft liegt.
Spirituell gesprochen geht es beim Heilen darum, sich mit der universellen Kraft der Wiederbelebung zu verbinden. Dieser Anschluss an die Kraft hängt von unserem Glauben, unserer Überzeugung und unserem Vertrauen an die Realität dessen ab, was wir als Quelle der Heilung und des Lebens betrachten. Wenn wir den Glauben an die Heilung nicht in uns tragen, können wir nicht wirklich genesen, egal was wir tun. Heilung ist weniger eine äußere Kraft, die von außen auf uns einwirkt, wie wir es uns vielleicht vorstellen, als vielmehr ein inneres Maß an spiritueller Befreiung, das eine Veränderung in unserem chemischen Aufbau bewirkt.
Es ist der göttliche Wille, der die Kraft bereitet, die alle atomaren Teilchen zusammenhält, um einen bestimmten Lebensausdruck zu gewährleisten. Wenn dieser Wille zurückgezogen wird, löst sich der Körper auf. In der Erschaffung und Zerstörung des Körpers findet ein ständiges Spiel von Aktivität und Empfänglichkeit statt, das die Aufrechterhaltung der Lebens ermöglicht. Der göttliche Wille ist eng mit der menschlichen Motivation und Absicht verknüpft. Im Koran sagt Gott: "Wir ändern den Zustand einer Gruppe von Menschen nicht, bis sie das ändert, was in ihr ist" (Q, 13:11).
Die menschliche Intention zu heilen ist die Grundlage der geistigen Heilung. Die Heiler:in möge die richtige Qualität und Intensität in ihrer Absicht halten, und dies gilt genauso für die Absicht derjenigen oder desjenigen, der Heilung sucht. Der Wille ist die Kraft, die auf die Seele einwirkt und sie auf die freigesetzte Intention reagieren lässt. Mit anderen Worten: Es wäre keine Übertreibung zu sagen, dass wir uns selbst mittels unseres Willens zur Gesundheit zurückholen, und auf die gleiche Weise führt uns unser Wille selbst zur Krankheit. Es kommt darauf an, wohin unser Wille und unsere Intention gehen. Wenn der Lebenswille in uns durch Verzweiflung, Pessimismus oder mangelnden Glauben und Vertrauen geschwächt wird, wird sich die Lebenskraft verflüchtigen und schließlich zum Tod führen. Das soll nicht heißen, dass wir mit einem starken Lebenswillen ewig weiterleben können; gleichwohl kann eine solche Einstellung und Mentalität ein langes Leben gewährleisten, solange dies in einem bestimmten Lebensorganismus möglich ist.
Das dritte Merkmal der Sufi‑Heilung, auf das ich abschließend eingehen möchte, ist die Kanalisierung der Heilkraft in und durch unser Wesen. Der Wille und das Mitgefühl Gottes sowie die Macht und die Liebe Gottes sind die beiden göttlichen Kräfte, die engelhafte Formen annehmen, um der Heiler:in die Fähigkeit zu vermitteln, Heilung zu bewirken. Holz ist ein guter Wärmeleiter. In ähnlicher Weise sind Engelskräfte, die ihren Ursprung und ihr Wesen im himmlischen göttlichen Licht haben, effiziente Übermittler von Lichtfrequenzen an die menschlichen Seelen, die offen und förderlich dafür sind, von uns empfangen zu werden. Unsere seelische Wirklichkeit ist Licht, und wenn wir sie in uns bewusst machen können, kommt es zu einer machtvollen Anziehung für die Übertragung höherer Lichtfrequenzen, die im positiven Feld der göttlichen Liebe, Harmonie und Schönheit wirken.
Gabriel wird im Bewusstsein der Heiler:in als göttlicher Wille und Macht gegenwärtig. Michael taucht als göttliche Liebe und Mitgefühl auf. Die beiden öffnen den spirituellen Kreislauf zwischen unseren bewussten und überbewussten Seins‑Stufen und machen uns zum Ort für das Erscheinen von Raphael, der dritten Engelskraft. Diese ist damit beauftragt, göttliches Mitgefühl und göttliche Macht zu integrieren, um eine wohlwollende Heilung zu bewirken. Der Atem des Allbarmherzigen, al‑Nafas ar‑Rahman, ist der Kanal für alle heilende Gnade. Der göttliche Atem des Mitgefühls bringt der Sufi‑Heiler:in die Inspiration, die das Einwirken des göttlichen Magnetismus ist, der dann auf dem Atemstrom der Heiler:in reist, um denjenigen zu erreichen, der eine Heilung sucht.
Zusammenfassend können wir sagen, dass Sufi‑Heilung auf der festen Prämisse des Glaubens an eine höchste Heilkraft ‑ das göttliche Wesen ‑ basiert. Diese Heilkraft ist ein aktiver Strom, auf dem der magnetisierte Atem der Heiler:in reitet und sich als Zungen engelsgleicher Flammen höheren Bewusstseins manifestiert ‑ eine Heilkraft, die aus dem Blick, dem Atem und der Berührung der Heiler:in hervor geht, um die subatomare Störung in der Harmonie des Seelenlebens der Patient:innen spirituell zu verändern.
Amat‑un‑Nur Hayat
Übersetzung: Khair‑un‑Nisa Veigt

